Gedankensplitter

Die Kunst und die Bescheidenheit

Ich habe mir darüber Gedanken gemacht, wie gut eine gewisse Portion Demut tut. In unserer stark leistungsorientierten Gesellschaft punktet man durch Erfolge; das Lob der anderen pinselt dem Ego den Bauch.

Gott sei Dank ist das Leben so klug, uns nach überspannten Höhenflügen auch mal mit kleinen unbequemen Episoden die Flügel zu stutzen.

Wir alle haben Talente bekommen. Genau mit unseren größten Gaben sollten wir am bescheidensten umgehen, sie zart fördern und aus uns wachsen lassen. Den Applaus dürfen wir getrost dem Publikum überlassen, völlig freiwillig und ohne nach Komplimenten zu fischen.

Als mein erstes Buch erschien, habe ich am Abend der Präsentation eine Stunde Exemplare signiert. Die Leute standen Schlange an meinem Tisch. Das war einfach großartig. An diesem Tag fühlte ich mich unbesiegbar. Vor allem, weil es sich so unwirklich anfühlte, diese magische Parallelwelt zum Alltag. Es hat seine Berechtigung, solange es dann nichts ausmacht, wenn die nächsten hundert Bücher sich nicht an zwei Abenden verkaufen.

Der Druck nach dem Buch an mich selbst war groß. Erst Jahre später wusste ich, wo ich zukünftig hinwollte, da habe ich meinen ersten Blog eröffnet: „Heidis Gedankensplitter“. Die Lyrik durfte Pause machen, an ihre Stelle trat die Lust auf eine kreative Spielwiese mit einer Vielfalt an Themen. Ohne Erwartung und Verkaufszahlen im Kopf. Ab dann begannen die Wörter wie von allein zu fließen …

In meiner Schulzeit habe ich begeistert Theater gespielt. Später wollte ich es dann noch einmal wissen und besuchte Schauspielworkshops und kleine Kurse in der großen Stadt. Was soll ich sagen, wir mussten atmen, uns strecken und klein machen, Ball spielen in der Gruppe, Emotionen über den Körper ausdrücken, mit richtiger Atemtechnik sprechen. Doch ich wollte mich nicht mit Handwerk aufhalten, ich wollte auf die Bühne, improvisieren, alles herauslassen, was an Schauspielkunst in mir steckt.
Die Leiterin der Schule des Theaters nahm mich zur Seite und meinte: „Es ist wunderbar, was du da ablieferst, als hättest du dein Leben lang auf einer Bühne gestanden.“ Dann der Nachsatz: „Wenn du aber nicht lernst, deinen Atem zu kontrollieren, die Emotionen geschickt einzusetzen, dann wirst du verbrennen, dein Talent wird sich so abnützen, dass es auf Rosinengröße schrumpft.“ Aufprall. Ich hatte ignoriert, dass meine Ohren rauschten und meine Arme kribbelten, vollgepumpt mit Adrenalin. Mir fehlte das Handwerk, mit dem man mit seinen Energien haushalten lernt. In der Kunst, in ausnahmslos jeder, musst du dich erden lernen, weil du sonst den Boden unter den Füßen verlierst. Kunst kann eine Droge sein.

Meine Theaterlaufbahn hat sich leider im Sand verlaufen, ich musste mich zwischen zu vielen Dingen, die mein Leben ausmachen, entscheiden. Aber umsonst war nichts.

Das Schreiben hat sich als „meine Kunst“ herauskristallisiert. Das ist wunderbar, wenn man seinen Fokus hat, vor allem Erfolgsdruck. Wenn ich einen Text in mir spüre, dann darf er mich verlassen. Ich habe das Glück, dass viele Worte in mir wohnen, ich deren Spielwiese bin und die Ehre habe, dass sie mich über meine Feder verlassen. Oder moderner gesagt: über die Tasten meines Laptops.

Euch, meinen lieben Lesern, überlasse ich, ob sie euch gefallen oder auch mal nicht. Man kann nicht den Geschmack eines jeden Menschen treffen, das ist unmöglich, auch wenn man gerne würde. Gebe ich zu.

Aber Kritik darf genauso sein, soll sein, muss sein. Man darf sich von anderen Schreibern inspirieren lassen, es schmälert das eigene Talent nicht, wenn man jemand anderes großartig findet. Es gibt Millionen von Talenten da draußen. Bescheidenheit lässt jede Kunst noch heller strahlen.

Entdeckt eure Talente, fördert sie – aber vor allem legt sie den Menschen liebevoll zu Füßen.

3 Kommentare zu „Die Kunst und die Bescheidenheit

Hinterlasse eine Antwort zu Lu Antwort abbrechen