Die Kunst und die Bescheidenheit

Ich habe mir darüber Gedanken gemacht, wie gut eine gewisse Portion Demut tut und wie oft wir liebend gerne darauf vergessen. In unserer stark leistungsorientierten Gesellschaft punktet man durch Erfolge, das Lob der anderen pinselt dem Ego den Bauch. Das hält schnurrend wie eine Katze still und genießt, was für einen Moment auch völlig in Ordnung ist.

Gott sei Dank ist das Leben so klug, uns nach überspannten Höhenflügen auch mal mit kleinen unbequemen Episoden die aufmerksamkeitssüchtigen Flügel zu stutzen. Das kennen wir doch alle: wenn wirs mal wieder gewagt haben, uns gedanklich über andere zu erheben, uns mit einem Lächeln selbst auf die Schulter zu klopfen und großzügig in die imaginäre Runde zu blicken, da kann die Landung dann schon auch mal wehtun.

Wir alle haben Talente bekommen. Genau mit unseren größten Gaben sollten wir am bescheidensten umgehen, sie zart fördern, aus uns wachsen lassen und den Applaus dem Publikum überlassen, völlig freiwillig, ohne nach Komplimenten zu fischen.

Als mein erstes Buch erschien, habe ich am Abend der Präsentation eine Stunde Exemplare signiert. Die Leute standen Schlange an meinem Tisch. Das fühlte sich an wie warmes Badewasser auf der Haut, dazu ein Stück zartschmelzende Schokolade im Mund, wie Rosenduft und das alles gleichzeitig. An diesem Tag fühlte ich mich unbesiegbar, über mich gewachsen. Vor allem, weil es sich so unwirklich anfühlt, diese magische Parallelwelt zum Alltag, dem man auf einmal entrückt ist für einen Augenblick. Das ist wunderbar, und es hat absolut Berechtigung. Denn es darf es dann nichts ausmachen, wenn die nächsten hundert Bücher sich nicht an zwei Abenden verkaufen, sondern sich ein wenig Zeit lassen, um ihre neuen Besitzer zu finden.

Der Druck nach dem Buch an mich selbst war groß. Mir fiel ewig kein Wort ein, und dann habe ich meinen ersten Blog eröffnet, „Heidis Gedankensplitter“. Was würde das werden, worüber würde ich schreiben? Worüber nach der Lyrik, die ich so nicht mehr in mir spürte, an diese Stelle war die Lust auf Vielfalt, kreativer Spielwiese und einer Mannigfaltigkeit an Themen getreten. Ohne Erwartung und Verkaufszahlen im Kopf. Ab dann begannen die Wörter wie von allein zu fließen…

In meiner Schulzeit habe ich begeistert Theater gespielt. Später wollte ich es dann noch einmal wissen und besuchte Schauspielworkshops und kleine Kurse in der großen Stadt. Was soll ich sagen, wir mussten atmen, uns strecken und klein machen, Ball spielen in der Gruppe, Emotionen über den Körper ausdrücken, mit richtigerAtemtechnik sprechen. Doch ich wollte mich nicht mit Handwerk aufhalten, ich wollte auf die Bühne, improvisieren, alles rauslassen, was an Julia Roberts in mir steckt. Auf das Publikum mit Gebrüll!

Dann dieser Moment, als die Leiterin der Schule des Theaters mich zur Seite nahm und sagte: Unglaublich, was du da ablieferst, als wärest du dein Leben nirgends sonst als auf einer Bühne gestanden. (Badewasser, Schokolade, Rosenduft. Diesmal mit sanfter Meeresbrise im Gesicht). Dann der Nachsatz: Wenn du aber nicht lernst, deinen Atem zu kontrollieren, die Emotionen geschickt einzusetzen, dann wirst du verbrennen, dein Talent wird sich so abnützen, dass es auf Rosinengröße schrumpft. Aufprall. Ich hatte ignoriert, dass meine Ohren rauschten und meine Arme kribbelten, vollgepumpt mit Adrenalin, weil mir das Handwerk fehlte, mit dem man mit seinen Körperenergien haushalten lernt, den Atem kontrolliert. In der Kunst, in JEDER, musst du dich erden lernen, weil du sonst den Boden unter den Füßen verlierst, sie ist nämlich wie eine Droge.

Meine Theaterlaufbahn hat sich leider im Sand verlaufen, ich musste mich zwischen zuvielen Dingen, die mein Leben ausmachten, entscheiden. Aber umsonst war nichts. Jetzt setze ich das, was ich darin gelernt habe, bei meinen Lesungen um, jetzt darf ich auf kleiner Bühne schauspielern, dann kann ich auch „Julia Roberts“, wenn ich Lust dazu habe.

Das Schreiben hat sich als meine Liebe, „meine Kunst“, meine Begabung herauskristallisiert. Es ist wunderbar, wenn man seinen Fokus hat, vor allem ohne Abgabetermine und Erfolgsdruck. Wenn ich einen Text in mir spüre, dann darf er mich verlassen, ich habe das Glück, dass sich in mir viele Worte tummeln. Ich deren Spielplatz bin und die Ehre habe, dass sie mich über meine Feder verlassen. Oder modern: über die Tasten meines Laptops. Das klingt aber nicht so schön, oder?

Euch, meinen lieben Lesern, überlasse ich, ob sie euch gefallen, oder auch mal nicht. Man kann nicht den Geschmack eines jeden Menschen treffen, das ist unmöglich. Auch wenn man gerne würde. Gebe ich zu.

Aber Kritik darf genauso sein, soll sein, muss sein, man darf sich auch von anderen Schreibern inspirieren lassen, es schmälert das eigene Talent nicht, wenn man jemand anderes großartig findet. Es gibt Millionen von Talenten da draußen, und wir können alle co-existieren. Ohne Erhabenheit oder Selbstbeweihräucherung. Bescheidenheit lässt jede Kunst noch heller strahlen.

Entdeckt eure Talente, hegt sie, fördert sie! Aber vor allem legt sie den Menschen liebevoll zu Füßen.

3 Gedanken zu “Die Kunst und die Bescheidenheit

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