Gedankensplitter

Salonfähiger Narzissmus

Willkommen im Zeitalter des salonfähigen Narzissmus. Er ist im Mainstream angelangt. Einst verpönt als übertriebene Selbstliebe und rar in der Erscheinung, wirkt es heute fast so, als würden Narzissten wie Pilze aus dem Boden schießen. Dass mit dem Begriff recht inflationär umgegangen wird, hilft dabei sicher nicht.

Hobbypsychologen auf Instagram und Co geben ihr Bestes, jedes noch so toxische Verhalten aufzudecken und dagegen anzugehen. Ganz schnell ist man mit Diagnosen zur Stelle. Hier wäre ich das erste Mal vorsichtig mit Schubladen. Man kann sich durchaus interessant machen, wenn man sich als Opfer eines narzisstischen Bösewichts inszeniert. Zu voreilig werden jede Unart oder jeder emotionale Ausbruch, die in den meisten Fällen garantiert noch als gewöhnliches menschliches Verhalten zu bewerten sind, in eine solche Ecke gestellt. Dann wird es schwierig, wirklich malignen Narzissmus diagnostisch abzugrenzen. Generell ist das heutzutage ein verbreitetes Übel. Tatsächliche Probleme, Diagnosen und Missstände gehen in der allgemeinen Empörung über alles und jeden schlicht unter.

Genau damit haben wir es jedoch zu tun: mit einem tatsächlichen Problem. Aktuelle Staatsoberhäupter in erschreckend vielen Teilen der Welt legen davon Zeugnis ab. Es dominieren Machtgebaren und Eigennutz. Und nicht selten empfinden wir Narzissten als schillernde Persönlichkeiten, als Siegertypen, die sich nehmen, was sie haben wollen, und das auch kriegen. Menschen fühlen sich von derartigen Charakteren durchaus angezogen.

Dabei beginnt alles in einem viel kleineren Rahmen als der internationalen Politbühne, nämlich in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Scheinbar harmlos und natürlich stets gutgemeint wurden wir im letzten Jahrzehnt regelrecht mit Ratgebern bombardiert, die uns nahelegten, als allererstes die Selbstliebe zu pflegen – denn nur so könnten wir auch andere Menschen lieben. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, eine Obergrenze dafür zu ziehen, damit wir nicht zu solchen Gockeln werden, die ausflippen, wenn es einmal nicht klappt mit unserer ausgemalten Wunscherfüllung.
Des Weiteren stand auch die Fähigkeit, auf die innersten eigenen Bedürfnisse zu hören, im Fokus. Gut und richtig, aber hat irgendwer die Fußnote angefügt, dass auch unser Gegenüber derartige Bedürfnisse und somit das gleiche Recht hat, diese anzumelden? In dem Fall wird dann schon mal ein Auge zugedrückt.

Wünsche ans Universum – mittlerweile ein abgedroschener Slogan, den jeder kennt. Im unschuldigsten Fall geht es nur um den berühmt-berüchtigten Parkplatz. Doch auch hier hat selten jemanden interessiert, ob ein anderer denselben womöglich ebenfalls und vielleicht sogar noch dringender benötigt. Im Straßenverkehr – seien wir ehrlich – lassen wir den kleinen Narziss in uns hin und wieder gern mal raus. Wehe, jemand nimmt uns die Vorfahrt oder wagt es, vor uns zu kriechen und so unsere Zeit zu vergeuden. 😉

Allerdings reichen unsere Wünsche natürlich viel weiter als nur bis zum Parkplatz vorm Haus. Wir wünschen uns ewige Jugend, unerschütterliche Gesundheit, den perfekten Partner und den bestbezahlten Job mit der wenigsten Arbeitszeit – alles im Namen der Selbstfürsorge. Ganz besonders wünschen wir uns, dass unser Partner uns jeden Wunsch von den Augen abliest. Ob wir damit auch dessen Leben bereichern, sei mal dahingestellt. Die Wahrheit jedoch ist, dass das Beste für einen selbst und das Beste für das Gegenüber nicht zwangsläufig deckungsgleich sind. Vielleicht hat besagter Partner eigene Vorstellungen vom Leben und will trotzdem an unserer Seite sein. Vielleicht gibt er bereits sein Bestes – das, was er zu geben vermag.

Leider sind gerade Beziehungen häufig das Schlachtfeld für das Austragen manipulativer Machtspielchen. Im schlimmsten Fall wird das dann noch als „Liebe“ verkauft. Da werden Eifersucht, Nulltoleranz und Besitzanspruch zum Zeichen von Wertschätzung.
Dennoch würde ich mich hüten, jedes menschliche Verhalten, das aus Angst und/oder dem Ego entsteht, umgehend als Narzissmus zu betiteln. Wie so oft sollte man die Kirche im Dorf lassen. Ja, wir haben manchmal keinerlei Skrupel, unseren Egoismus auf dem Rücken des anderen auszutragen, und sei es über Jahre oder Jahrzehnte. Solange der mitspielt und das plärrende, nach Aufmerksamkeit süchtige Kleinkind in uns befriedigt, sprechen wir von der großen Liebe. Das dürfte uns allen nicht ganz fremd sein. Nur ist das noch lange kein maligner Narzissmus.

Folgende Gedanken finde ich jedoch durchaus wertvoll: Entwickelt sich unser geliebter Partner, meldet seinerseits Bedürfnisse an oder nimmt sich eine Auszeit, dann wird der vormals liebende Gefährte recht oft zum beleidigten und getretenen Opfer. Dann wird schon mal getrotzt und emotional manipuliert. Hier sollte man Verantwortung und partnerschaftlichen Teamgeist zeigen: Ja, ich verstehe dich. Ich höre dich und ich begleite dich auf dem Weg zu deinem persönlichen Lebenstraum. Kein leichtes Unterfangen. Das Gegenüber wirkt bedrohlich, immerhin verweigert es die widerspruchslose Bewunderung und Aufopferung für die Beziehung.
Würden wir hier Augenhöhe und Individualität akzeptieren, würden wir uns vermutlich näher kommen als je erträumt …

12 Kommentare zu „Salonfähiger Narzissmus

  1. Man sollte realistisch bleiben, was öffentlich als Narzissmus bezeichnet wird, hat selten was mit einer Diagnose zu tun. Nicht nur, das es wenige Narzissten gibt, die diagnostiziert wurden bzw. überhaupt dazu fähig waren, zu einer Person zu gehen, die so etwas beruflich tun.

    Man erkennt einen Narzissten meistens daran, das sein Umfeld erkrankt und kaum noch Energie oder Erfolg hat, der Narzisst aber steht im strahlendem Licht, sein Umfeld im dunklen.

    Auch die wenigen Narzissten, die aufgrund negativer Umstände zu einem Therapeuten gehen, treiben nur zu oft auch diese in den Wahnsinn!

    Wer wirklich an einen Narzissten geraten ist, egal ob verdeckter oder maligner, der wird es NIE vergessen !

    Wer in der Lage ist, sich aus der Abhängigkeit zu lösen und klare Gedanken haben kann, wird das Übel erkennen, was angerichtet wurde.

    Ob in einer Beziehung, ob es partnerschaftlich oder beruflich ist, ob man verwandt ist oder denkt, einen Freund gefunden zu haben, es ist NIE Liebe oder irgendwas positives, was dabei heraus kommt.

    Ein Narzisst, vor allem, wenn es um verdeckte bzw. maligne Narzissten geht, wird in keiner Vorstellung je als was Gutes gelten, wer selbst die Erfahrung damit machen musste, wird es eher als das Böse bezeichnen !

    Also, es braucht für die Opfer eines Narzissten sehr viel, denn den Schaden, den sie anrichten, ist meistens sehr tief und sehr schwer zu reparieren, Liebe alleine hilft da gar nicht, wäre aber ein Anfang, sofern man noch in der Lage ist, dieses zu erkennen, ob es wahr ist und ernst gemeint ist, denn leider gibt es oft Muster und man gerät bzw. zieht ähnliche Personen wieder an bzw. wird von denen angezogen.

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    1. Danke für deinen sehr ausführlichen Beitrag! Ich stimme dir in fast allem zu – viel zu schnell wird heute mit Begriffen um sich geschmissen. Der Narziss geht mit seinem „Opfer“ ja meist eine ko-abhängige Beziehung ein, die vorerst harmlos beginnt. Aber das Schlachtfeld DANACH, das hat es in sich. Deshalb würde ich auch immer meinen, vorerst mal die Kirche im Dorf zu lassen und einen gesunden Egoismus nicht gleich als Narzissmus abzustempeln. Danke!

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  2. Ein toller Beitrag, Danke dafür.
    Man folgt zu gerne den vermeintlichen Ratschlägen ohne nachzudenken, was das für sich und seine Mitmenschen bedeutet.
    Wer sich gelegentlich reflektiert hebt sich von den echten Narzissten ab. Nur wer hat dafür vor lauter Selbstdarstellung noch Zeit?

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  3. Das Fühlen, Ausdrücken von (eigenen) Bedürfnissen und die des anderen, wahrnehmen, ernstnehmen, mitfühlen …wollen, können – besonders in der Partnerschaft, ist der Stoff einer gemeinsamen Annäherung … inneres Wachstum und Reise .. manche Reisen macht einer allein

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      1. Eine Grenze ist für mich dort zu ziehen, wo das Mitfühlen endet. Da wo Liebe ist, gibt es keine Obergrenze… Liebe in Bezug auf sich selbst ist für mich eher eine notwendige Selbstannahme und Fürsorge, nicht Selbstglorifizierung / – erhöhung, auf Kosten anderer Lebewesen ..

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      2. Von LIEBE selbst und zu sich selbst kann es nie genug geben, da darf es gar kein Zuviel geben. Allerdings ist die Gratwanderung zum Egoismus manchmal eine schmale. Da, wo man seine eigenen Bedürfnisse ohne zu reflektieren über die Bedürfnisse eines anderen stellt, sie selbstverständlich als die wichtigeren ansieht und es weiterhin als Selbstfürsorge „tarnt“, da hat es meiner Meinung nach nicht mehr so viel mit Liebe zu tun. Aber ansonsten halte ich die Selbstliebe auch für essentiell.

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