Gedankensplitter

Lange Weile

Wie geht eigentlich Langeweile?
Ich meine „Langeweile“ im negativ besetzten Zusammenhang – jene Langeweile, die wie eine Drohung klingt. Mir persönlich war in meinem Leben noch nie langweilig. 

Wenn man das Wort in der Mitte teilt, entstehen daraus zwei Begriffe, die auf mich eine unglaublich reizvolle Wirkung ausüben – lange Weile zu haben, klingt für mich wundervoll. Freie Stunden, Zeit, die sich ausdehnt, sich einmal um meinen Tag wickelt. Zeit für kreative Beschäftigung oder einfach nur süßes Nichtstun. Das Tor zum Paradies, wie mir scheint.

Ich habe das Gefühl, dass Eltern heutzutage mit allen Mitteln verhindern wollen, dass ihren Kindern langweilig wird. Wenn ich mir das Freizeitprogramm so mancher Volksschüler ansehe, wird mir schwindelig. Wo kämen wir denn da hin, würden sie auf sich selbst zurückgeworfen werden? Am Ende würden sie vielleicht noch ein Buch zur Hand nehmen oder gar anfangen, im Garten Käfer zu erforschen!
Ich hoffe, dass den Eltern bewusst ist, dass sie dadurch Charaktere heranziehen, die einmal umgehend Studium, Job und Partner wechseln werden, wenn das Entertainment nachlässt. Kindheit prägt. 

Möglicherweise geht es auch um ein schlechtes Gewissen oder den Deal der Liebe. Eine Unzahl von Geschenken, damit die Kinder einem zugetan sind. Auf den Gedanken, dass die Kleinen das auch bedingungslos wären, kommt man gar nicht erst. Kinder werden sich immer eher an Qualitätszeit mit Mama und Papa erinnern als an deren Bespaßung mithilfe materieller Dinge. 

Ein Experte meinte einst, Kinder müssten sich zwischendurch langweilen. Nur so würden sie sich selbst kennenlernen, ihre Vorlieben, Talente und Begabungen. Ich habe ihm still applaudiert. Ja, ich denke, dass eine gesunde Portion Langeweile emotionale und geistige Intelligenz sowie soziale Kompetenz fördert. Jemand, der auch einmal auf sich allein gestellt ist, muss sein Gehirn bemühen – und wer lernt, sich selbst zu lieben, wird ein angenehmerer Zeitgenosse. Es wäre doch auch paradox, seine eigene Gesellschaft nicht aushalten zu können, sich einem anderen Menschen jedoch als Partner zumuten zu wollen, oder etwa nicht?

Wären meine Eltern nicht Tag und Nacht in ihrem Geschäft gestanden, wie hätte ich dann meine grenzenlose Fantasie entdeckt? All die Spiele, die wir erfunden haben, die Augenblicke, in denen ich in Musik und eine Decke gehüllt auf der Fensterbank meines Kinderzimmers saß und in den Garten blickte. Unbezahlbar.
Dem Nachwuchs von heute werden ständig irgendwelche „Dinge“ gekauft, zumindest wenn nicht irgendwelche „Sachen“ unternommen werden. Das finde ich unfassbar schade. Kinder, ihr wisst gar nicht, was ihr verpasst, wenn euch die Langeweile vorenthalten wird. Ich würde dagegen protestieren; malt Schilder und wehrt euch!

Überdies kenne ich eine ganze Reihe Erwachsener, denen vor ihnen liegende freie Tage ohne Programm eine Heidenangst einjagen. Wenn sich dann auch noch das blöde Wetter erdreistet, gegen einen zu arbeiten, ist alles vorbei. Dann kann man nämlich nicht einmal mehr ins Freie flüchten. Wie unerträglich die eigene Gegenwart sein muss … Keine drei Stunden hält man durch, ohne dass ein Einfluss von außen die Erlösung bringt und einen von sich selbst ablenkt.

Ich habe einmal einen Film über eine Burnout-Patientin gesehen, welcher drei Tage Isolation in einem Zimmer ohne Menschen, ohne Buch, ohne Computer und ohne Fernsehen verordnet wurden, damit sie sich selbst unter all den Spinnweben wiederfinden konnte. Sie schwitzte und kämpfte mit Entzugserscheinungen wie eine Süchtige. Dann schrieb sie folgende Zeilen:
„Liebes Leben, nun habe ich mich schon so lange vor dir versteckt. Du hast mir Signale gesendet und ich habe immer wieder versucht, nicht hinzuhören, dich zu bekämpfen, obwohl ich doch weiß, wir gehören zusammen. Als ich dich zum ersten Mal wahrgenommen habe, ich fand dich wunderbar in deiner Freiheit, in deiner Ungezwungenheit. Ich habe mich gleich in dich verliebt. Liebes Leben, ich vermisse dich. Komm zu mir zurück!“
(aus „Brief an mein Leben“, Oeller & Egger, 2015)

Ich denke, die Zeit ist reif für eine Menge Verabredungen mit sich selbst. Ich jedenfalls will mich in mein Leben verlieben … und wenn ich so weit bin, verliebt es sich möglicherweise auch in mich.

13 Kommentare zu „Lange Weile

  1. Starke Worte!
    Persönlich kann ich mich kaum daran erinnern, dass mir als Kind einmal langweilig gewesen wäre. Ich habe immer etwas gefunden, mit dem ich mich beschäftigen konnte – sicher ging dem das Gefühl der Langeweile voraus, aber geblieben ist die Erinnerung an Stunden, die ich mit Fantasie und Freude gefüllt habe.

    Heute geht mir das nicht mehr so leicht von der Hand, ich greife viel zu schnell zum Smartphone (Mistding! Und doch hänge ich daran…) und lasse mich eher berieseln, statt selber aktiv zu werden. Schade, eigentlich. Sehr, sehr schade.
    Ich danke dir für die Erinnerung daran, dass Langeweile nichts schlimmes ist und nichts, das mit Gewalt vermieden werden muss!
    LG Anna

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  2. Die Generation Smartphone ist das beste Beispiel für völlige Langweile Unkenntnis. Kommt auch nur ein Hauch von dieser auf, erfolgt sofort der Griff nach diesem Seelenquäler. Eine Sucht die noch böse Auswirkungen in den folgenden Generationen haben wird. Deinen Text sollte man über die Betten aller Eltern hängen, Aris

    Gefällt 1 Person

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