Gedankensplitter

Liebe braucht mehrere Blicke

Auf die Frage, ob es Liebe auf den ersten Blick gibt, hätte ich früher im Brustton der Überzeugung mit „Ja“ geantwortet. Da ich mir jedoch erlaube, meine Meinung zu gewissen Themen zu ändern, werde ich im Folgenden erklären, weshalb ich das heute etwas anders sehe.

Was wir gern als den augenblicklichen Liebesflash bezeichnen, würde ich heute „Schockverliebtheit“ nennen. Hormone, ausgelöst durch die optische Attraktivität oder das, was wir dafür halten, fluten unser Gehirn, breiten sich im ganzen Körper aus und versetzen uns in eine Art Drogenrausch. Nicht umsonst wird dabei oft von einer vorübergehenden Psychose gesprochen.
Totaler Ausnahmezustand – das angehimmelte Objekt muss zumindest ein Halbgott sein, ist faktisch frei von jeglichem Makel und von menschlicher Schwäche. Entdeckt man doch eine, wird sie als besonders süß, aufregend oder einfach „anders“ wahrgenommen. Man schwelgt in Tagträumen, ist unempfänglich für schnöden Alltagskram. Viel wichtiger ist doch die Frage, wie man es schafft, diesem göttlichen Wesen die Welt zu Füßen zu legen, und sie oder ihn auf schnellstem Wege in sein Schlafzimmer bekommt, um dem persönlichen Sternenflug auch körperlich Ausdruck zu verleihen.
Man muss sich weder anstrengen noch langweilige Beziehungsarbeit leisen, um diese herrlichen Gefühle aufrechtzuerhalten – die fließen ungehindert und von ganz allein.

Leute, nicht, dass ihr mich falsch versteht: Diese Emotionen fühlen sich wundervoll an – in all ihrer Flüchtigkeit und ja, leider auch Vergänglichkeit. Ich würde sie nicht missen wollen. Aber Liebe ist das nicht. Liebe entsteht nicht in einem Augenblick. Sie wächst, sie entwickelt sich. Bei den ganz wichtigen und bedeutsamen Verbindungen kann es einen auch wie ein Blitz durchdringen. Doch das würden die Beteiligten nicht unbedingt als Verliebtheit bezeichnen. Eher wie ein tieferes, intuitives Wissen.

Liebe – oder auch innige Freundschaft – funktioniert nur mit wenigen Menschen. Der Rest ist austauschbar und kann vierzehntägig wechseln. Nichts, was man aus dem Boden stampft, sobald das Auge ein attraktives Gegenüber erblickt. Vergesst nicht, wie viele Menschen unter Fehlsichtigkeit leiden. 😉
Man erkennt das spätestens, wenn die Hormone wieder zur Ruhe kommen. Wo nur kommen auf einmal all die nervenden Angewohnheiten des Gegenübers her? Unvermittelt wird einem klar, dass man da lediglich jemanden angezogen hat, der eigene Schwächen ausgleicht. Jemanden, neben dem man sich selbst richtig gut fühlt … aber nur, solange man in dessen Aufmerksamkeit baden kann.

Liebe macht kein Getöse, keinen Rausch und keine Psychose. Was sie nicht unbedingt einfacher macht. Wie viele Blicke müssen wir bloß riskieren? Ich glaube, wo tiefe Verbundenheit herrscht und Vertrauen die Basis ist, hat man recht gute Karten. Den einen oder anderen Spleen nimmt man einfach mit.

Kommt hinzu, dass man zwischen körperlicher Anziehung, die der Nähe entspringt, und einem regen geistigen Austausch schwingt, wäre es vielleicht der richtige Zeitpunkt, sich zu trauen, die Brille abzunehmen und vorsichtig in die Sonne zu blinzeln …

2 Kommentare zu „Liebe braucht mehrere Blicke

  1. Liebe Heidi,

    ein wundervoller Beitrag und ich bin ganz bei Dir. Früher hätte ich auf die Frage, ob es Liebe auf den ersten Blick gibt auch sofort mit Ja geantwortet. Doch wie Du nehme ich mir die Freiheit meine Meinung zu ändern.

    Meine Frau und ich sind in diesem Jahr 17 Jahre zusammen und es war sicher keine Liebe auf den ersten Blick. Eher im Gegenteil. Anfangs konnten wir miteinander wenig anfangen- die Gefühle füreinander haben sich im Laufe der Zeit entwickelt.

    Und es ist tatsächlich so, dass ich in meinem Umfeld keinen Menschen kenne, der heute sagt, dass es mit seinem Partner/ seiner Partnerin Liebe auf den ersten Blick war. Es sind alles Partnerschaften, die sich entwickelt haben. Aus freundschaftlichen Beziehungen, Arbeitsbeziehungen, Beziehungen durch Sportstudios oder aus anderen Beziehungen, die im Laufe des Lebens entstehen.

    Allerdings ist das Gefühl vom Liebe auf den ersten Blick dennoch schön- ich denke wir haben es alle erlebt 😍Auch, wenn es keine Liebe für immer ist- das Gefühl dahinter ist dennoch aufregend und bezaubernd.

    Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag und danke, für deinen bezaubernden Beitrag 🙂

    Liebe Grüße

    Anja

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    1. Liebe Anja, danke DIR für deinen bezaubernden Kommentar! 😉 Ich glaube mittlerweile auch, die ganz wunderbaren Beziehungen basieren auf einer Basis, die man da erst gar nicht zuordnen würde. Schön, oder? 😉
      Hab einen feinen Wochenstart, Heidi

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