Gedankensplitter

Toxisch positives Denken

Schon anstrengend, den lieben langen Tag positiv zu denken und Kalender mit erhellenden Zitaten zu lesen, oder? Nebenbei trichtert uns die Werbung ein, was uns zu unserem Glück noch fehlt. Schaffen wir es nicht von selbst, stehen uns Bücherregale voll Ratgeberliteratur zur Verfügung. Und hilft das alles nicht, warten ungezählte Lebensberater mit ihren Coaching-Angeboten auf.

Versteht mich nicht falsch, es ist begrüßenswert, dass es Menschen gibt, die andere begleiten – und manche Bücher sind durchaus gut geschrieben. Wie bei so vielem aber treibt es der Mensch auf die Spitze.

Mittlerweile hat man nämlich erkannt, dass auch positives Denken toxisch sein kann. Klingt paradox, nicht? Gute Gedanken sollen uns schaden? Absolut – wenn wir durch sie Druck auf uns ausüben. Manchmal ist man einfach überfordert oder wird krank. Menschen laufen weg, man verliert den Job, ein Haustier stirbt oder man zerbricht Omas Vase. Das Letzte, was man dann gebrauchen kann, sind fröhliche Motivationssprüche, die einem mitteilen, dass in jedem Leid ein Segen liege, dass man doch mit einem Lächeln loslassen solle – allein dieses L-Wort löst Aggressionen in mir aus. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber Menschen, die andauernd lächeln und übertrieben glücklich wirken, kommen für mich eher aufgedreht und künstlich daher.

Es ist keineswegs zielführend, wenn man positives Denken wie Spitzensport betreibt. Richtig fatal wird es, wenn man beginnt, seine negativen Gefühle zu verdrängen und als eine Art Fremdkörper zu empfinden. Dadurch spaltet man sich von sich selbst ab und verschleiert den wahren Ist-Zustand. Es darf sich auch einmal richtig SCHEISSE anfühlen! Ich darf beizeiten bockig, wütend, traurig oder schlecht gelaunt sein. Es steht mir zu, hin und wieder überhaupt niemanden leiden zu können, Abstand zu wollen oder auch abzuhauen, obwohl ich mich zunächst angeklammert habe.

Niemand kann dauerhaft glücklich sein. Anstatt ihm ständig positives Denken als Hausaufgabe zu geben, sollte man den Menschen ermutigen, beides als Teil seiner Existenz zu akzeptieren – die „guten“ wie die „schlechten“ Gefühle. Es sind schlicht Gefühle und als diese sind sie vorerst neutral.
Viel wichtiger ist es, die Seiten im Gleichgewicht zu halten. Da liegt der Hund begraben. Am Glück kleben wir, weil wir magische Augenblicke festhalten und in Dauerschleife wiederholen wollen, an den negativen Emotionen, weil wir Angst haben, dass sie nie wieder vergehen. Beides Irrgänge des Geistes, denn wir sind mehr als unsere Gedanken und Gefühle und jeder Augenblick unseres Lebens kann Veränderung bedeuten.

Wenn wir den Menschen fortdauernd positive Gedanken aufschwatzen, erzeugen wir erst recht negative in ihnen. Wie nämlich fühlt sich jemand, dem gerade nichts gelingen mag und dem man dann noch zusätzlichen Stress auferlegt, weil er anscheinend noch nicht einmal die Sache mit dem Optimismus auf die Reihe kriegt?

Lasst uns doch geduldig mit uns selbst sein. Schauen wir uns unsere Gedanken und Gefühle wie einen Kinofilm an, ganz ohne Wertung. Wir sehen Thriller, Liebesfilme und Komödien, manchmal ein Drama. Wir verlassen den Saal allerdings auch wieder … irgendwann ist schließlich das Popcorn aus. Seien wir doch gespannt, was der Regisseur in unserem Kopf da produziert. Und anstatt ihn unentwegt zu kritisieren, können wir ja auch einfach mal darüber schmunzeln, wie viel Kreativität unser Kopfkino zu bieten hat … 😉

7 Kommentare zu „Toxisch positives Denken

  1. Schön und treffend auf den Punkt gebracht!
    Viel wichtiger als diese ständige Positivität ist, mit sich selber auszukommen. Da gehören halt auch mal die negativen Gefühle hinzu. Kein Licht ohne Schatten und so weiter. Ich denke, man muss lernen, die negativen Emotionen zu akzeptieren und auszuhalten. Wie sonst soll ich positive Augenblicke wertschätzen? Es ist, wie du schreibst, das Gleichgewicht ist entscheidend.

    Gefällt 1 Person

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