Gedankensplitter

Tarot

Wie jetzt, Tarotkarten? Will sie jetzt ernsthaft über Tarotkarten schreiben? Will ich. Ich besitze unzählige Kartendecks, vor allem aus der Zeit meiner Eso-Karriere – die zum Glück zu einem Großteil von Wissenschaft, Weiterentwicklung und dem Lesen anderer Inhalte aufgelöst wurde.
Schon Marx bezeichnete die Religion als „Opium des Volkes“, und an dieser Stelle muss man ihm zugestehen, dass er nicht ganz falsch lag. Es kann durchaus Dinge in diesem komplexen Universum geben, von denen wir nichts oder noch nichts wissen. Doch die euphorische Beschäftigung damit dient allzu oft der Betäubung, der Beruhigung oder schlicht dem Bedürfnis, die Kontrolle zu behalten. Wieder: Ich spreche nicht von einer offenen Neugier, von Wissensdrang oder der Lust zu erforschen. Vielmehr sollte man vermeiden, einen Mantel über offensichtliche Missstände zu legen und ihn dann an der Garderobe am Universumsportal abzugeben.
Kartendecks können wie ein hervorragendes Werkzeug anmuten, hält man Ausschau nach Zeichen, nach Zukunftsvorhersagen oder der Romantik alten Hexenwissens. Man legt unliebsame Entscheidungen in die Hände des Tarot und macht es zum Wegweiser, der die Marschrichtung bestimmt. Hier ist Vorsicht geboten, sich nicht zu verrennen, denn: „Karten sind gute Diener, aber schlechte Herren.“

Wozu also können sie dienlich sein und warum haben sie es geschafft, bei mir zu bleiben, als ich rigoros entrümpelte, vor allem viel Geschwurbel aus dieser Ära? Weil ich Kartendecks liebe. Ich mag ihre Haptik, ihren Geruch, die Boxen, in denen sie verstaut sind. Aber vor allem mag ich ihre bunte Bildsprache und die blumigen Beschreibungen im Begleittext. Manchmal geht es nicht um das große Ganze, um Entscheidungen oder Erkenntnisse globalen Ausmaßes, dafür gibt es genug Literatur. Manchmal geht es um kleine, ganz persönliche Stolpersteine, die einen in die immer gleichen Muster oder Verhaltensweisen führen. Unangenehme Situationen, die sich in scheinbar endlosen Spiralen verfangen. Bilder lösen etwas in Menschen aus. Oft ist es nur ein kleines Detail, und unser Unterbewusstsein erinnert sich an eine alte Verkrustung, die wir uns antrainiert oder ungefragt übernommen haben und die zu einem blinden Fleck geworden ist. Ein Trauma, das unser Reptiliengehirn nicht vergessen hat, das im bewussten Alltag aber vor sich hindöst. In den Begleittexten kann es ein Wort oder ein einzelner Satz sein, der den Nebel klärt. Menschen erinnern sich an Momente eher wie an ein Foto, als dass sie Gespräche rekonstruieren können. Und hier vermögen Karten, die sich der Bildsprache bedienen, manch dunkle Ecke aus unserem Bewusstsein zu erhellen.

Natürlich habe ich mich gefragt: Darf ich überhaupt noch Karten ziehen, wenn ich jetzt aufgeklärter bin und die Welt aus einer ganz anderen Perspektive betrachte? Aber klar darf ich. Weil ich heute eine gesunde Einstellung dazu habe und die Kartendecks mir vor allem Spaß und Freude bereiten. Diese Fragen tauchen unweigerlich auf, wenn man die Dinge kritischer zu hinterfragen beginnt. Darf man noch bei Amazon kaufen, wenn man kapitalismuskritisch ist? Darf man noch Freude in seinem Alltag haben, wenn die Welt sich bekriegt? Ist es in Ordnung, sich ganz banalen Freuden wie Serienstreamen, Videospielen oder Popmusik hören zu widmen, wenn man die Zeit auch zur Rettung des Planeten einsetzen könnte?
Ja, man darf. Denn niemand sagt, dass diese Dinge nicht parallel stattfinden können. Es gibt keine Moralpolizei, die einem sagt, was zu tun ist. Als Kompass darf der eigene Verstand dienen, der am besten funktioniert, wenn man ihn nicht verklärt, benebelt oder in Watte packt. Wer sich im Kopf befreit von Glaubenssätzen, die nicht mal seine eigenen sind, hat die Freiheit, noch ganz andere Dinge zu tun.

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