Ich habe mit einem Notendurchschnitt von 1,7 maturiert und mit Auszeichnung mein Diplom bestanden. Das erzähle ich euch nicht, um zu prahlen oder damit ihr mich besonders toll findet. Damit möchte ich etwas ganz anderes thematisieren.
Bei den sogenannten guten Schülern ging man automatisch davon aus, dass sie gerne zur Schule gehen und keinerlei Druck oder Stress verspüren – schließlich drohte ihnen weder eine Wiederholung der Klasse noch eine Nachprüfung am Ende der Sommerferien.
Jedoch war das Gegenteil der Fall, zumindest bei mir. Damit will ich nicht sagen, dass es nicht auch schöne Erinnerungen an die Schulzeit gibt, aber die hatten selten mit dem Lernen oder dem Lehrkörper zu tun. Es waren eher die Momente mit den Freundinnen, der ersten Liebe oder bei diversen Ausflügen – wenn einfach einmal nichts von einem verlangt wurde. Natürlich fühlte es sich gut an, Lob für seine Arbeiten zu bekommen. Rückblickend war dieser Leistungsdruck für mich allerdings alles andere als gesund. Der Drang, immer abliefern zu müssen, in meinen Noten nicht nachzulassen und mir mein „Ansehen“ bei den Professoren zu erhalten, war immens. Ich hatte eine Rolle zu erfüllen, denn an gute Schüler legte man noch einmal einen ganz anderen Maßstab an und hatte entsprechend hohe Erwartungen an sie. Da mutete es einfach nur schrecklich an, wenn man in Mathematik, dem Fach, das mir am wenigsten lag, vor versammelter Klasse an der Tafel stand, alle Augenpaare auf einen gerichtet waren, und man selbst hatte nur ein weißes Rauschen im Kopf. Scham, Angst vor der Niederlage und der Bewertung raubten jeglichem logischen und klaren Denken den Raum.
Irgendwann war dieses Schulfach mit Ablehnung und Panik besetzt. Noch Jahrzehnte später träumte ich von Matheschularbeiten, die ich nachzuholen hatte, weil meine Matura sonst ungültig wäre, und verstand dabei rein gar nichts von dem Stoff. Real gefühlte Angst inmitten meiner behaglichen Bettdecke. Ich fällte schließlich mein eigenes Urteil über mich: Mein Gehirn ist dafür nicht geschaffen, Punkt. Sprachbegabte Menschen haben anscheinend andere kognitive Fähigkeiten.
Irgendwann sehr viel später stand ich dann im ersten Schrein der Videospielreihe „Zelda“ und sah mich mit meinem ganz persönlichen Bosskampf konfrontiert. Da war lösungsorientiertes Denken gefragt, ähnlich wie bei den gefürchteten Textaufgaben. Ich fühlte mich völlig überfordert, war gereizt, trotzig, passiv-aggressiv und ablehnend. Jede Spiellust schien verflogen. Bis ich mein eigenes Trauma wiedererkannte: Ich stand auf einmal wieder vor der Klasse und musste schnell machen, oder ich wurde beurteilt. Aber damit wollte ich mich nicht zufriedengeben, sondern stellte mir die Frage, ob mir das wirklich nicht liegt oder ich nur nicht dahingehend gefördert wurde, wie es meinem Tempo, meiner Lernvorliebe entsprochen hätte.
Wisst ihr, was ich seit kurzem mache? Ich habe angefangen, Mathe zu lernen – freiwillig. An vier Tagen der Woche 1-3 Textaufgaben. Und zwar beginnend mit denen aus der dritten Schulstufe. „Lisa hat 24 Euro gespart. Zum Geburtstag bekommt sie von ihrer Oma noch 15 Euro. Danach kauft sie sich ein Buch um 18 Euro. Wie viel Geld hat Lisa noch übrig?“
Ich darf so lange brauchen, wie ich will, selbst wenn jemand neben mir sitzt. Ich darf mich verrechnen, Denkfehler machen und habe alle Zeit der Welt. Vor allem habe ich richtig Spaß dabei, fernab jeglicher Panik vor dem Versagen. Ich denke, die Mathematik ist etwas Wunderschönes, etwas, das einen gewaltigen Teil der Welt und deren Aufbau erklären kann. Es widerstrebte mir letztendlich, dabei dauernd außen vor zu sein und vielleicht etwas Großartiges zu verpassen. Sie folgt einer Logik, sie ist nicht anfechtbar und sie erlaubt keine schwammigen Vermutungen.
Noch weiß ich nicht, ob ich auch Wahrscheinlichkeits- oder Integralrechnungen mögen werde. Völlig egal, ich gebe mich einfach dem Prozess hin und schaue einfach, wie weit ich Lust dazu habe.
Wie vielen Kindern ergeht es ganz genauso? Und was sagt das über das Bildungssystem aus, in dem es wohl kaum um individuelle Förderung und die freie Entfaltung geht, sondern viel eher um andere Dinge wie die langsame Eingewöhnung an den Leistungsdruck, dem man nachher im Berufsleben ausgesetzt ist? Vielleicht wäre Mathematik gar nicht eines der meistgefürchteten oder sogar meistgehassten Fächer, wenn man nicht ständig schauen müsste, wie man im Vergleich zu den anderen dasteht.
Ich jedenfalls freue mich schon auf meine nächste Aufgabe, auch, weil die Arbeitsblätter der dritten Klasse wahnsinnig herzige Illustrationen beinhalten. Ach ja, und ich habe mich den Schreinen in „Zelda“ erneut gestellt – und letztens sogar eine Lösung gefunden, auf die ein sehr erfahrener Spieler neben mir in zehn Jahren nicht gekommen ist …

Ja ja, Mathe …🤷♀️
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