Gesundheit & Wohlbefinden

Dein Nervensystem macht das schon

Tu einfach nichts. Dein Nervensystem reguliert sich von ganz allein.

Mittlerweile sind wir dank diverser Medien und der KI alle kleine Neurowissenschaftler. Menschen sprechen vom Sympathikus oder Parasympathikus (besser bekannt als Vagusnerv), als wären es gute Bekannte, und kennen ihre Zustände besser als jeder Neurologe. Aber dadurch haben sie angefangen, dieses ausgeklügelte System in ihnen zu beobachten wie ein nervöser Techniker sein Schaltpult. Es geht um die unaufhörliche Achtsamkeit: Bin ich gerade in der Balance, gibt es irgendwo Spannungen in meinen Faszien? Schlägt mein Herz zu schnell, habe ich in der Nacht wieder mit den Zähnen geknirscht, worauf die Spannung in meinem Kiefer zurückzuführen ist? Inzwischen sind wir unruhig, weil wir unruhig sind. Das heißt, wir sind eigentlich bestrebt, eine gesunde Dynamik, mit der unser Nervensystem uns warnen möchte, abzulegen im Sinne von: Mich darf nichts mehr aus der Bahn werfen und falls doch, muss sofort auf Angriff gegangen werden. Unser Nervensystem, dieses intelligente Ding, merkt natürlich, dass es gerade nicht willkommen ist und hier Anstrengungen unternommen werden, seinen „Alarm“ möglichst schnell loszuwerden.
Und dann startet das volle Programm: Meditation, Atemübungen, bei denen die Ausatemphase drei Sekunden länger dauern muss. Räucherstäbchen werden abgebrannt oder Klangschalen zum Schwingen gebracht, alles untermalt von Entspannungsmusik oder bestimmten Frequenzen. Kann man alles machen, und einiges ist auch durchaus entspannend und sehr angenehm. Dabei muss man aber verstehen, dass jeder Sinnesreiz von außen, sei es ein Geruch, ein Geräusch oder auch nur das Bemühen um Gedankenkontrolle, erneut vom Gehirn bewertet und verarbeitet wird.
Wichtig: Hier geht es nicht um Panikattacken oder schwere traumatische Störungen, sondern um den Kampf gegen jede Form der Unruhe.

Unser Nervensystem muss weder geheilt noch repariert werden, weil es gar nicht kaputt ist. Alles, was es benötigt, ist einen Moment der Stille, einen Raum, in dem diese möglich ist. Dann findet es alleine zurück in seine Balance. Uns ist gar nicht bewusst, wie ausgeklügelt dieses Netzwerk ist, wie sensibel es auf subtilste Reize reagiert und auf welch unglaubliche Art und Weise es sich selbst regulieren kann. Die größtmögliche Unterstützung, die wir ihm dabei geben können, ist besagtes Nichtstun. Das kann sich ungewohnt und anfangs sogar beklemmend anfühlen.
Einfach anwesend sein, in gelassener Beobachtung. Weder versuchen, den Kopf „frei“ zu bekommen, noch Gedankenleere zu erzeugen, auch nicht, sich bewusst zu entspannen – all das sind bereits wieder Aufträge für das Gehirn. Einfach nur still sein und da sein lassen. Der Punkt wird kommen, an dem eine angenehme Leere eintritt. Wenn wir aufhören zu kontrollieren, kann das Nervensystem tun, was es am besten kann – seine Balance wiederfinden.

Viele Menschen leiden an chronischen Schmerzen und nicht selten resultieren diese – so es sich nicht um eine Verletzung handelt – aus permanentem Stress im Alltag. Dabei spielt das Nervensystem eine übergeordnete Rolle, womöglich eine noch wichtigere als die gereizte oder verletzte Struktur selbst. Man kann jetzt natürlich den dritten Block Physiotherapie machen, zur Osteopathie gehen oder sich Wärmepflaster aufkleben, alles fein. Dennoch sollten wir dem psychosomatischen Anteil ebenfalls unsere Aufmerksamkeit widmen. Nerven sind Reizleiter – mentaler Stress tröpfelt wie Wasser darauf und sorgt für „Kurzschlüsse“.

Ihr kennt doch bestimmt diese Schneekugeln, die man schüttelt und dann wirbeln kleine Flocken durch das Glas. Wann wird es wieder ruhig in der kleinen Welt da drinnen? Nicht, indem man die Kugel auf den Kopf stellt oder in eine andere Position kippt. Die kleinen Flocken legen sich auf den Grund, sobald man das Glas einfach abstellt. Ruhe setzt ein, sobald jede Aktivität beendet wird. Es gibt etwas in uns, das jede Form der inneren Unruhe beobachtet, den beschleunigten Herzschlag, die Anspannung oder die schweißnassen Hände. Diese Instanz oder Funktion unseres Gehirns ist nicht unruhig und muss auch nicht wiederhergestellt oder repariert werden.
Aus langjähriger Berufserfahrung kann ich sagen, dass die Rolle des Nervensystems bislang viel zu wenig Beachtung in der Erstbehandlung diverser Schmerzzustände erhalten hat und sich zumeist nur auf organische Strukturen gestürzt wurde. Das ist richtig und wichtig, aber mit heutigem Wissen gebe ich den Leuten immer auch den Rat mit, die herumschwirrenden Schneeflocken erst einmal zur Ruhe kommen zu lassen.

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