Gesellschaft

Personenkult

Bestimmt hatte jeder von uns einen Promischwarm in seiner Jugend. In meinem Fall Musiker oder Schauspieler, die man als Teenager anhimmeln konnte, oder Frauen, die einem Stilvorbild waren. Worüber wir damals wenig wussten, war, wie der Privatmensch hinter diesen Kunstfiguren tickte. Ein wenig bekam man über Zeitungsberichte mit, aber weit entfernt von der heutigen Entblößung durch Instagram und Co. Wir gucken in das Leben der Prominenten wie in den Garten des Nachbarn. Ob das immer von Vorteil ist? Erstens nimmt es der Kunst ein wenig ihre Mystik. Will ich wirklich alles über wechselnde Beziehungen, private Dramen oder behandelte Essstörungen wissen?
Zweitens nimmt der Personenkult, der durch diese Megareichweiten entsteht, mittlerweile ungesunde und dekadente Züge an. Taylor Swift und andere, die in ihrer Liga spielen, werden wie Gottheiten verehrt.

Nach den Geschehnissen rund um Ed Sheeran und dem Auftritt eines Musikers im Vorprogramm, der aufgrund pro-palästinensischer Aussagen gecancelt wurde, stelle ich das mehr denn je in Frage. Ed Sheeran selbst hat sich vorerst einmal sehr zurückhaltend aus der Affäre gezogen – zu schnell wird man bei diesem heiklen Thema in die antisemitische Ecke gedrängt. Als dann aber sämtliche Bands, die als Vorgruppen engagiert waren, geschlossen von ihrem Auftritt zurücktraten, aus Solidarität zu dem gecancelten und angefeindeten Kollegen, und das mediale Echo groß wurde, sah sich Sheeran gezwungen, sich dazu zu äußern. Heraus kam eine äußerst „diplomatische“ Stellungnahme: Er habe sich einst vorgenommen, sich niemals politisch zu äußern. Seine Konzerte sollten Ort der Versammlung für alle Menschen sein, auch wenn sie unterschiedliche Meinungen zu gewissen Themen haben. Bei ihm sei jeder willkommen usw. So harmlos wie belanglos. Denn es ist völlig klar – hier geht es um gigantische Deals, um Millionen und die saubere Weste eines Weltstars. Wie viel Authentizität da durchschimmert, wissen wir nicht.

Spätestens ab hier sollten wir jede Art von Personenkult ganz nüchtern überdenken. Die Künstler der letzten Jahrzehnte hatten es leichter, einfach nur ihre Liedchen von Liebeskummer und der scheinbar heilen Welt zu trällern. Heute, bei der aktuellen Weltlage, wird die Sache schwieriger. Die Vorbands, die weit nicht so erfolgreich wie ihr Hauptact sind und die tatsächlich etwas zu verlieren hatten, haben gezeigt, dass man etwas ausrichten kann. Wenn man sich geschlossen solidarisch zeigt, dann verhallt das nicht einfach im Raum. Dann muss auch mal ein „Großer“ klein beigeben.
Egal, worum Brisantes es sich dreht: Es könnte der Sache dienlich sein, wenn nicht gerade die schweigen oder Halbgares von sich geben, die privilegiert sind, die Millionen mitreißen und mobilisieren könnten und die ihre Reichweite solidarisch einsetzen könnten, aber aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung oder noch Schlimmerem schweigen.
Es gibt keine neutrale Position. Diese Phrase wird gerade in der Künstlerwelt gerne inflationär gebraucht. Ich erinnere mich, dass Helene Fischer dieser Vorwurf damals in der Flüchtlingswelle von 2015 gemacht wurde, bis sie sich dazu äußern musste, weil der Druck auf sie zu groß wurde. Die Gründe sind nachvollziehbar. Es geht um Erfolg und ein glattgebügeltes Image.
Auch jemand, der sagt, dass die aktuelle Weltlage ihn weder interessiere noch etwas angehe, hat sich bereits positioniert. Kann man machen, aber dann sollte man auch dazu stehen und wirklich den Mund halten. Denn oft schmeißen gerade die dann mit verbalen Mistbällchen aus ihren stillen Ecken. Meistens verunsichert und ohne Durchblick werfen sie Begriffe wie Zionismus, Antisemitismus, Genozid und Staatenrechte aus vermeintlicher „Political Correctness“ wahllos durcheinander und stellen absurde Verurteilungen auf.

Das Glorifizieren von Persönlichkeiten halte ich demnach für wirklich problematisch. Zu leicht übernehmen Fans die Meinung ihres Idols, hinterfragen nicht oder zeigen sich unkritisch.
Man kann die Kunst mögen, man kann in Kindheits- und Jugenderinnerungen schwelgen und man kann auch sein eigenes, nostalgisches Bild dazu haben. Aber es ist ein Fakt, dass Geld und Ruhm in diesem Ausmaß etwas mit Menschen machen. Der Bezug zur Realität verschwimmt und nicht selten wird eine klare Position zu wichtigen Themen auf dem Altar des Erfolges geopfert. Ed Sheeran ist nicht verantwortlich für dieses System und auch nicht für die vielen, unzähligen Missstände. Er geriet als ein Vertreter seiner Zunft ins Kreuzfeuer der Kritik.
Wir können uns von Kunst berühren, uns entführen lassen, abschalten, weinen, tanzen, feiern und fliegen – aber wir sollten anerkennen, dass die Menschen dahinter, die wir auf ein Podest stellen, auch ängstlich, unsicher, beeinflussbar, harmoniesüchtig, egoistisch und manipulierbar sind. Wie wir alle.

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