Gedankensplitter · Gesellschaft

Irgendwo zwischen „Kind und Karriere“

Ich denke, dass jeder Frau zumindest einmal im Leben der Slogan „Kind oder Karriere“ untergekommen ist. Eine der tiefgreifendsten Entscheidungen, die man treffen kann, oder aber man ist so privilegiert, dass man beides locker unter einen Hut bringen kann.
Kaum eine Frau, die erstaunt die Augenbraue hebt, wenn sie diese Frage gestellt bekommt.

Was ist mit einer Frau, die weder Kinder noch Karriere anstrebt? Die sich stattdessen einen Kräutergarten anlegt, Tiere pflegt oder ehrenamtlich arbeitet? Die sich als Künstlerin begreift – aber nicht auf Ruhm und Erfolg aus ist? Die halbtags im Laden ihrer Freundin aushilft, um den Nachmittag mit Wandern, Lesen oder Schreiben zu verbringen? Die weder den Lärm eines Kleinkinds noch den eines Großraumbüros erträgt? Ich bin so eine. Und das wusste ich bereits mit fünfzehn. Ich habe ja schon damit zu tun, auf mich selbst aufzupassen, mein Gang durch den Alltag ist oft verträumter Natur. Dabei bringe ich mich gerne ein und mag meinen Beruf – nur eben auf meine eigene Art. Ohne den Traum von einer Führungsposition oder einer eigenen Praxis. Und vor allem: ohne das Gefühl, irgendwelchen äußeren Erwartungen gerecht werden zu müssen. Die Vorstellung, dass all meine Prioritäten hinter Nachwuchs und Job zurückstehen müssen, löste instinktiv Unbehagen aus. Die Kleinfamilie konnte mich nie wirklich abholen, die Partnerschaft mit einem anderen Menschen sehr wohl. Aber das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. Mein Nervensystem wusste also schon recht früh, was gut für es ist.

Ihr habt bestimmt irgendwo auf Social Media von den sogenannten „Tradwives“ gehört. Frauen begeben sich freiwillig in ein Rollenbild, vor dem ältere Frauen, die das noch miterlebten, deutlich warnen. Alle Macht und Entscheidung liegt beim Mann, ihm wird der Rücken für seinen Job freigehalten, während man selbst Haus, Hof und Kinder hütet. Am stilvollsten gekleidet in einem hübsch geblümten Kleid, abgesichert durch die totale Abhängigkeit. Sozialforscher haben sich dieses Phänomen und wie das in einer „aufgeklärten“ Zeit überhaupt stattfinden kann, näher betrachtet. Die schnell gefasste Meinung, hier würde es sich fast ausschließlich um rechtskonservative Strömungen handeln, ist zu kurz gedacht. Natürlich wird das traditionelle Familienbild vor allem in diesen Kreisen willkommen geheißen, genießt einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert.
Aber ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Frauen scheinen sich diesem Modell zu öffnen, weil die Welt mit all ihrem Stress sie schlicht überfordert. Weil groß angelegte Entscheidungen sie belasten. Weil sie sich nicht über Gebühr anstrengen oder verausgaben wollen. Und weil sie darin eine Chance sehen, Verantwortung abzugeben, Ruhe und Stabilität zu finden – auch wenn der Plan seine Tücken und Abgründe hat und das böse Erwachen drohen kann.

Ich kann zumindest den Wunsch nach Ruhe sehr gut verstehen. Mein Tag beginnt perfekt, wenn er einfach planlos vor mir liegt, unbefleckt wie ein weißes Laken.
Wenn möglichst wenig Inputs von außen auf mich einströmen und ich meine eigenen To-Do-Listen anfertigen kann. Die beinhalten allerdings lauter Dinge, die Vorfreude und Inspiration beinhalten, und manchmal wiesel ich nur durch das Haus, trage Dinge von A nach B, verabschiede Dinge, ordne neu, stelle um, mache sauber oder koche. Manchmal bin ich die Therapeutin und manchmal die Hausfrau. Dann wieder die Tagträumerin und die, die gerne poetische Texte verfasst. Dazwischen möchte sich eine kleine Rebellin zu Wort melden, damit man gewisse Missstände oder relevante gesellschaftliche Themen nicht übersieht.
Aber nirgends findet sich darin das Entscheidungsduo „Kind oder Karriere“.
Meines Erachtens ist es eine falsch verstandene Emanzipation, diese Wahl als großzügiges Geschenk an uns Frauen zu betrachten. Die derzeitige Gesellschaft braucht beides: Mütter, die die nächste Generation heranziehen, und Frauen, die durch Karriere oder Arbeitskraft die Wirtschaft stärken. Von einer Träumerin hat sie nicht viel, aber ich persönlich hatte ganz viel davon.

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