Gesellschaft

„Die sind ja nicht belastbar!“

Das menschliche Gehirn ist stets auf Optimierung aus. Nicht metaphorisch, sondern neurologisch betrachtet. Es arbeitet am besten, wenn es sich in einer Art Ruhezustand befindet, wie zum Beispiel in der Meditation oder dem sogenannten Tagträumen. Hier entsteht Raum für Kreativität und neue Ideen.
Kennt ihr Berufe, in denen diese Superkraft gefördert wird? In der Jobwelt gilt dies eher als Leerlauf, Energie- und Zeitverschwendung. Geht der Mensch einer monotonen Arbeit über lange Zeiträume nach, entsteht mit der Zeit die Frage nach dem „Warum“. Bekommt das Hirn darauf keine Antwort, produziert es bloß ein Rauschen, diffuse Angst, dass etwas nicht stimmt. Das Wissen um Zugehörigkeit und vor allem darum, wozu man in einer Gesellschaft beiträgt, kann Burnout und Depressionen verhindern. Diese Qualitäten sind jedoch kaum möglich in einer Arbeitswelt, die uns zu ständigem Konkurrenz- und Leistungsdenken anspornt und den Wert eines Menschen darüber definiert, wie viel er einbringt. Soweit zur Neuro- und Sozialwissenschaft.

Die ältere Generation stempelt vor allem jüngere Menschen, die in Frage stellen, ob das geforderte Arbeitspensum ihrem Wohlbefinden zuträglich ist, gerne mal als Faulpelze ab. Die wollen ja nicht arbeiten. Die wollen sich ja nicht einbringen. Die sind ja alle nicht belastbar und schwafeln was von Work-Life-Balance. Diese Träumer.
In einem Video hielt eine junge Frau eine flammende Rede darüber, die mich wirklich beeindruckt hat. Und nein, es handelte sich nicht um jemanden, der lustlos Schichtdienste ausübt, sondern um eine Akademikerin, die sich ganz bewusst für ihren Beruf entschieden hat und ihn auch sehr gerne ausübt. Von den Jobangeboten, die es im Angestelltenverhältnis gibt, sei dies der Reizvollste, den sie sich für sich vorstellen könne. Noch dazu empfinde sie ihn als sinnstiftend. Es wäre allerdings keine Tätigkeit, die man einfach abspult, sondern die einen emotional, körperlich und mental fordert. Was der interessante Aspekt daran war: Sie beklagte sich weder über das Team, den Chef oder ihr Gehalt. Eher darüber, dass man selbst eine erfüllende oder sogar beglückende Tätigkeit nicht zwanghaft 40 Stunden pro Woche ausüben möchte – und das bis zum 70. Lebensjahr.

Es ist der Aspekt des Müssens, der keine Wahl lässt, egal, ob man mal müde, lustlos, krank oder sonst wie beeinträchtigt ist. Man hat schließlich auch andere „Baustellen“ im Leben, eine Familie, einen Haushalt, vielleicht kleine Kinder oder pflegebedürftige Angehörige. Anstatt Verständnis dafür zu bekommen, wird man eher noch aufgefordert, schneller, effizienter, professioneller und kompetenter zu arbeiten. Und egal, wie reizvoll eine Tätigkeit scheint – nach ein paar Wochen nützt sich auch das unter diesen Gegebenheiten ab.

Man verlangt vom ganz jungen Menschen, sich nach Schulabschluss für eine Tätigkeit zu entscheiden, die man acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche bis zum Rentenalter ausführen wird. Das übrigens ständig angehoben wird. Ein selbstbestimmtes Leben rückt dadurch in weite Ferne. Man kann beobachten, wie sehr Menschen dem Wochenende, einem freien Tag, dem Sommerurlaub und letztendlich der Pension entgegenfiebern. Es grenzt an Humor, wenn gerade die, die sich über die Faulpelze mokieren, regelmäßig Lotto spielen oder sich ein Rubbellos kaufen, um vielleicht nicht mehr arbeiten gehen zu müssen. Sie wollen es nicht wahrhaben oder sich nicht eingestehen, dass der Mensch natürlich lieber selbst über seine Zeit verfügen würde.
Trotzdem nehmen wir eine 40-Stunden-Woche als selbstverständlich hin, als normal und notwendig. Von nichts kommt schließlich nichts. Es hat den Anschein, dass Freizeit etwas ist, was man sich erst verdienen muss. Pausen werden überbewertet, unser Wert liegt in der Produktivität. Wer hat sich das eigentlich ausgedacht? Und warum gilt es noch als zeitgemäß? Ja, die 40-Stunden-Woche war damals eine Entlastung der Arbeiter, die unter unmenschlichen Bedingungen 16 Stunden am Tag zu schuften hatten.
Aber die Welt hat sich verändert. Heute werden so viele Handgriffe von Technologien erledigt, und trotzdem wird immer mehr Leistung von den Menschen erwartet. Diese Technik sollte uns doch mehr Zeit schenken. In Wahrheit werden die Menschen zu noch mehr Produktivität angetrieben. War es früher die physische Belastung, die im Vordergrund stand, gesellen sich heute mentale Erkrankungen dazu.

Die Wirtschaft verlangt, dass Menschen zwischen 8 und 12 Stunden arbeiten sollen. Studien zeigen, dass man aber nur ca. 3–5 Stunden am Tag Leistung erbringen kann und sich danach Gehirn und Körper langsam erschöpfen. Nebenbei schwächelt das Gesundheitswesen, und das erzeugt Angst, wie und wo einem bei Bedarf geholfen werden kann. Hier entsteht ein Teufelskreis, der Menschen zusehends stresst.
Die karge Freizeit wird dann oft mit stumpfer Ablenkung gefüllt, weil man für Hobbys gar keine Kraft und Energie aufwenden kann. Seelenhygiene geht anders, oder?

Soziale Jobs stellen eine besondere Anforderung an den Ausübenden dar. Und sie nehmen an Relevanz zu, schaut man sich die Zahl der Kranken und Hilfs- oder Pflegebedürftigen an. Ich habe einmal gelesen, dass die Heiler eines Dorfes in Naturvölkern nicht mehr als 3–4 Menschen pro Tag behandeln. Auch ich merke, dass ich für eine Therapie um 5 Uhr abends nicht mehr die gleiche Energie habe wie um 9 Uhr morgens.

Die Rechnung „8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Freizeit und 8 Stunden Schlaf“ ist reine Theorie – sie geht sich im Leben nicht aus, wenn man Anfahrtswege, Haushalt, Kinderbetreuung oder Krankheiten davon abzieht. Es geht also nicht nur um die Stunden, die man zur Verfügung hat, sondern darum, ob man überhaupt in der Lage ist, ausreichend abschalten zu können. Wenn wieder einmal ein Experte meint, man solle sich doch selbstständig machen oder die Stunden reduzieren, sollte er bedenken: Die meisten arbeiten im Niedriglohnsektor und können sich solche Optionen nicht einmal leisten. Individuelle Lösungen bringen also nichts, die Gesellschaft müsste komplett umstrukturiert werden, denn ihre Beschaffenheit reproduziert immer wieder dieselben alten „Werte“ und Glaubenssätze, genauso wie die Glorifizierung von Arbeit in einem absolut ungesunden Ausmaß.

Ich bin davon überzeugt, dass der Mensch kein von Natur aus faules Wesen ist, das man zur Arbeit zwingen muss. Ganz im Gegenteil. Ich wage zu behaupten, dass sich weit mehr Menschen dafür begeistern würden, würde man ihnen einen 4- oder 5-Stundentag in Aussicht stellen, bei ausreichender Bezahlung, versteht sich. In diesem System? Unmöglich, denn das folgt einer gewissen Logik. Hier können wir uns solche Flausen nicht erlauben, weil die Wirtschaft einbrechen würde.

Mein Pensionsantrittsalter – und ob ich überhaupt noch eine bekomme – ist eine unbekannte Variable. Deshalb hoffe ich, dass sich junge Menschen nicht vom Zetern der Alten abschrecken lassen und sich gegen diese Umstände wehren. Dass sie nicht mehr alles unzerkaut schlucken, was ihnen erzählt wird über „Arbeitsmoral“ und den Wert der Leistung. Dass sie sich einlesen und mit Inhalten beschäftigen, die ihnen Lösungen aufzeigen können. Man munkelt, die gäbe es tatsächlich.
Ich hoffe auf Menschen, die sich aufmachen, den Wert ihres Lebens zu erkennen und dass es niemandem zusteht, darüber mit herrschender Hand zu verfügen. Der Preis eines halbwegs gesunden Lebens kann nicht der soziale und finanzielle Abstieg sein.

Am Ende stellte die Frau in dem Video ihre Utopie in den Raum: Aufstehen, wenn man ausgeschlafen ist, weil man auch zu einer dem Biorhythmus entsprechenden Zeit ins Bett kommt. Zeit für Dinge, die einem am Herzen liegen und einen erfüllen. Nicht erst mit 70, sondern jetzt. Arbeit nicht als Zentrum, sondern als Bestandteil des Lebens, der einen bereichert und nicht ausbrennt. Für Wohnraum, Nahrung und medizinische Versorgung sollte bedingungslos gesorgt sein, für allen anderen „Luxus“ darf man sich durchaus produktiv einbringen. Und würde man diesem Existenzkampf sorglos entkommen dürfen, hätte man dafür immense Ressourcen übrig. Kein Glorifizieren von Disziplin und Fleiß – einen Menschen sollte mehr ausmachen als das.

Vielleicht wäre es ratsam, sich nicht so zu verhalten, als hätte man noch zig andere Leben in der Pipeline, während die Jahre an einem vorbeiziehen. Vielleicht wäre es sinnvoll, sich für eine Welt einzusetzen, in der das Leben nicht nur am Wochenende und im Urlaub, sondern an jedem Tag des Jahres stattfindet.
In so einer Welt wird es im Alter oder in seiner Rente nämlich kaum jemand bereuen, nicht effizient genug gewesen zu sein. Dafür tut es in dieser Welt am Ende wahnsinnig vielen leid, dass sie Dinge oder Menschen, die ihnen am Herzen lagen, jahrelang verschoben oder vertröstet haben …

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