Wer sich Anfang der 90er in oder rund um Wien herumgetrieben hat, dem sind die „Volksgarten-Clubbings“ ein Begriff. Vor kurzem las ich ein Interview mit Sandra Kendl, der Gründerin der legendären „Techno-Cafés“ im Wiener Volksgarten. In einer Zeit fernab von Social Media waren diese Veranstaltungen eher „underground“, das Publikum erfuhr davon über Flyer und Handzettel. Niemand konnte ahnen, dass dieses Ding explodieren würde, dank Media-Agenturen, Models und Fotografen. Es folgte die breite Masse. Irgendwann taten Facebook und Co. ihr Übriges. Worum es in diesem Interview ging, fand ich tatsächlich noch interessanter als das damalige Phänomen.
Kendl sprach darüber, dass die Szene sich massiv geändert habe. Das Ausgehen heutzutage hat sich von der Nacht in den Tag bzw. den frühen Abend verlagert. Die Leute fahren spätestens mit der letzten U-Bahn nach Hause. Sie meinte, dass man den Kater danach nicht mehr akzeptieren und generell einen viel höheren Wert auf die Gesundheit legen würde. Lieber früh aufstehen und sich einen Matcha auf dem Weg zum Pilates holen. Die Clublandschaft würde sich ausdünnen und damit auch ein Publikum, das massiv viel trinkt.
Als ich dann noch über einen Artikel über die sogenannten „Sober Partys“ gestolpert bin, dachte ich bei mir, in der falschen Zeit „jung“ gewesen zu sein. Mich hat damals dieser kollektive Alkoholismus und die oft exzessive Attitüde des Nachtlebens, wo man „durchmachte“ bis in die Morgenstunden, eher gestresst.
Sogenannte Sober-Partys bieten Musik, Unterhaltung und Gesprächskultur statt Filmriss. Warum Leute auf klare Nächte statt Rausch setzen und was Sober-Partys – abgesehen vom Alkoholkonsum – noch vom „normalen“ Feierngehen unterscheidet, ist schnell erklärt.
Es wird zwar getanzt, geflirtet und gefeiert, alkoholbedingte Übelkeit, Übergriffigkeit oder gar Aggression bleiben so gut wie aus. Kein Unwohlsein am nächsten Tag und schon gar keine Scham für etwas, an das man sich nicht einmal mehr erinnern kann oder es im schlimmsten Fall bereut. Denn man bleibt nüchtern. Der Trend hat ausgerechnet in Berlin Fuß gefasst, der Hochburg der Clubkultur mit jeder Art der Berauschung.
Wenn man nach der Motivation für diese Art des Feierns fragt, steht vorerst die Neugier auf Nüchternheit an erster Stelle. Menschen hinterfragen ihren Alkoholkonsum, was ich persönlich für absolut wichtig erachte. Vor allem die junge Generation blickt kritischer darauf, weil mentale Gesundheit eine bedeutende Rolle spielt. Man ist die ganze Woche über so eingespannt, dass man sein Wochenende nicht verschlafen, sondern vom nächsten Tag auch noch etwas haben möchte.
Allerdings, so erzählen Sober-Party-Teilnehmer, braucht es manchmal einen starken Willen, das gleiche Prinzip im „normalen“ Nachtleben umzusetzen, gilt Alkohol doch als die salonfähigste Droge. Wein ist hierzulande ein Kulturgut, und wenn man sich um drei Uhr morgens in einer lallenden, überdrehten Meute wiederfindet, kann sich das schon befremdlich anfühlen und einen zum Außenseiter mutieren lassen. Außerdem sind viele Clubs auf Überstimulation ausgelegt: Ohne „Schalldämpfer“ wie Alkohol fühlen sich viele schneller müde und reizüberflutet.
Leichter fällt das nüchterne Feiern natürlich auf besagten Partys: Diese reagieren auf die Bedürfnisse der Feiernden mit einem speziellen Rahmenprogramm. Die Veranstaltungen beginnen oft früher, angeboten werden kreative, alkoholfreie Mocktails. Man erwähnt den Unterschied, auf einer herkömmlichen Party angerempelt und mit sinnentleertem Geschwätz zugemüllt zu werden, auf den Sober-Partys hingegen klare, normale und interessante Gespräche führen zu können.
Ja, das wäre definitiv meins gewesen.
Diese Thematik führt unweigerlich zur Frage, ob sich Trends wie dieser auf Dauer durchsetzen werden, und das glaube ich wiederum nicht. Vielleicht sollte die Frage nicht lauten, warum man nicht trinken will, sondern weswegen man in bestimmten Situationen wie selbstverständlich zum Alkohol greift. Menschen betäuben sich, um mit Anspannung, Depressionen oder Stress umzugehen. Sich von einem anstrengenden und überfordernden Arbeitsleben am Wochenende zu erholen und einfach mal den Kopf abzuschalten. Da all diese Dinge aber tendenziell nicht weniger, sondern eher schlimmer werden – Stichwort: Leistungsdruck, Existenzängste und eine Welt, die auf verdammt unsicheren Beinen steht –, wird womöglich in Zukunft noch mehr getrunken werden. Es ist gesellschaftlich gesehen noch immer der einfachste Weg, um „abzuschalten“. Leider. Es wäre schön, wenn Menschen nicht nur auf Partys einen klaren Kopf behalten, sondern mit ähnlich ungetrübtem Blick durch ihren Alltag gehen würden. Es würde ihnen deutlich leichter fallen zu erkennen, was sich alles rund um sie abspielt – Umstände, Zwänge und ihre eigene Rolle in diesem System. Dabei geht es gar nicht ausschließlich um Alkohol, es sind Abhängigkeiten von ganz unterschiedlichen Dingen, die als Stimmungsaufheller dienen. Ob Zucker, Shopping, Social Media, Streamingdienste oder was es sonst noch so gibt, all das macht den Alltag der Menschen ein bisschen erträglicher und erschwert es gleichzeitig, dass sie ihre Lage richtig erkennen.
Aber kommen wir noch einmal zurück zu Frau Kendl. Sie wurde gefragt, was denn den Reiz der Nacht ausmache. Ihre Antwort konnte ich durchaus nachvollziehen, erweckte sie doch so manche sentimentale Erinnerung. „Es ist, als fände man leichter zueinander. Die Nacht hat den Reiz, die Wände einzureißen und einander zu begegnen.“
Dieses Phänomen habe ich selbst beobachtet und auch erlebt. Völlig nüchtern.
