Ihr erinnert euch vielleicht, dass ich vor einigen Wochen die Rubrik „Beauty & Wellness“ vom Seelenlandeplatz genommen habe, weil sie nicht länger zu meinen Inhalten passt. Prompt muss ich mein Vorhaben für eine Ausnahme selbst boykottieren, was irgendwie zu der Geschichte passt, wegen der ich ausnahmsweise noch einmal über das Thema Kosmetik schreibe. Nicht wegen Werbung oder bezahlter Produkte – sondern weil die Geschichte einer gewissen Komik nicht entbehrt. Manchmal geht man zur Haustür raus, um kurz darauf durch den Garten wieder reinzukommen. Weil man etwas an einer Stelle gefunden hat, an der man gar nicht gesucht hatte.
Über die Jahre habe ich es geschafft, eine Art persönlichen Minimalismus in mein Leben einziehen zu lassen. Garderobe, Hausrat, Bewegungsverhalten: mittlerweile solide. Wo es allerdings noch Luft nach oben gab, war mein Kosmetiksortiment im Badschrank. Und das habe ich gar nicht gleich bemerkt …
Im Brustton der Überzeugung meinte ich, längst da angekommen zu sein, wo ich hinwollte. Als ich jedoch für diverse Flugreisen heuer meinen Kulturbeutel packte, konnte ich nur staunenden Auges auf dessen Inhalt blicken, wo ich doch nur das „Nötigste“ eingepackt hatte. Die Tagesroutine sozusagen. So elegant also kann man sich selbst hinters Licht führen. Ich betrachtete all die Fläschchen, Tuben und Tiegel vor mir, und auf einmal überkam mich ein Gefühl der Sättigung. Die Art von Völlegefühl, wo danach die Hose zu eng sitzt, weil man sich überessen hat. Ich konnte gerade noch dem Impuls widerstehen, alles einfach in die Tonne zu treten, dazu befand ich die Produkte dann doch als zu wertvoll. Aber eine Veränderung musste her, so viel stand fest. Soweit der erste Teil der Geschichte.
Im Zuge meines digitalen Aufräumens löschte ich sämtliche Kundenkonten bei diversen Onlineshops, bei denen ich jahrelang nicht mehr eingekauft hatte. Das führte mich auch zu meiner Kundendatei bei „Bluvion“, einer kleinen Manufaktur im österreichischen Vorarlberg, die hochwertige Naturkosmetik herstellt. Ich hatte wahrscheinlich vor einem Jahrzehnt ein Fläschchen Öl bei ihnen bestellt und bin dann auf zig Nebenstraßen abgebogen, weil mich das nächste Wirkstoffversprechen anderswo angetickt hatte. Als meine E-Mail raus war mit der Bitte um Deaktivierung des Kontos, nahm die Geschichte einen ganz unerwarteten Lauf.
Monika Hofer, die Gründerin, lockte mich weder mit Rabatten noch wies sie mich auf mögliche Nachteile einer Kündigung hin. Stattdessen zeigte sie sich begeistert über meine Konsequenz und versprach, mein Anliegen schnell zu bearbeiten. Neugierig geworden wollte ich dann doch sehen, was sich in den letzten Jahren bei „Bluvion“ verändert hatte. Bei den meisten Marken kennt man es: ständige neue „Must-have“-Innovationen oder das Streichen von Ladenhütern, da kann der einzelne Kunde noch so sehr daran gehangen haben. Doch hier – Überraschung! – fand ich das exakt gleiche Sortiment wie vor zehn Jahren. Diese Beständigkeit überraschte mich, wo der Markt sich doch ständig neu erfinden muss, um den Profit zu steigern. Das Pflegeprinzip: ein hochwertiges Öl, und wer mag, kann noch das Serum dazu nehmen. Das eine – keine zwanzig Varianten davon, keine ständigen Neuerungen. Einfach nur das eine.
Und da dachte ich: Warum nicht? Zurück zu den Wurzeln, dorthin, wo meine Naturkosmetik-Reise begann – bevor ich mich von sämtlichen Angeboten ablenken ließ. Ich schrieb Monika also eine zweite E-Mail: Obwohl ich gerade mein Kundenkonto gekündigt hatte, wollte ich jetzt doch bei ihr bestellen. Wir beide schmunzelten und verabredeten ein Telefonat. Eigentlich erwartete ich ein Verkaufsgespräch, eine Empfehlung ihrerseits, was ich verwenden sollte. Doch was bekam ich? Einen fundierten, einstündigen Vortrag darüber, was ich alles nicht brauche – sogar von ihren eigenen Produkten. Nach dem Motto: Wasser reicht zum Gesichtwaschen. Sie klärte mich über Hypes und Angstmache auf, die nur dazu dienen, neue Produkte zu verkaufen. Sie übersetzte mir Wirkstoffe, die für mich bisher Laborlatein waren – obwohl ich mich eigentlich schon gut informiert fühlte. Am Ende fragte ich sie, was sie mir denn nun empfehlen würde. Ihre Antwort: „Verwende, was dich glücklich macht. Wenn du dieses oder jenes Öl liebst, dann nimm es. Was du nicht magst, lass weg.“
Ich habe mich mittlerweile entschieden und freue mich auf die Zeit, wenn auf meinen nächsten Flugreisen ein einziges Fläschchen mit mir reisen darf und nicht ein prall gefüllter Beutel, der nur Stress in mir und Ballast im Gepäck verursacht. Es scheint, als hätte ich auch an dieser Stelle zu der Reduktion gefunden, die ich mir gewünscht hatte und die bis dato ein blinder Fleck war. Wenig, aber dafür hochwertig. Wie ich es auch schon in meinem Kleiderschrank gemacht hatte.
Eines haben Monika und ich beibehalten, so viel Konsequenz muss sein: Es wird kein Kundenkonto von mir geben. Ich werde sie bei Bedarf anrufen und sie bitten, mir mein Öl zu schicken. Das eine.
bluvion.com
Foto: Marcel Hagen – STUDIO22.at

