Hochsensibilität

Brauchen wir das Etikett „hochsensibel“?

Wer hier aufmerksam liest, dem dürfte meine Rubrik „Hochsensibilität“ nicht entgangen sein. In die habe ich viel Herzblut gesteckt. Eine Zeitlang widmete ich dem Thema sogar eine eigene Website. Denn als ich zum ersten Mal damit in Berührung kam, konnte ich gar nicht genug davon bekommen, las ungefähr 13–14 Bücher darüber, absolvierte den Diplomlehrgang „Expertin für Hochsensibilität“ in Wien, war Mitglied im österreichischen Netzwerk für Hochsensible – kurzum: Ich hatte für all das, worin ich mich von vielen anderen Menschen unterschied, endlich einen Ort, einen Begriff gefunden.

Im Laufe der Jahre zeichnete sich die Hochsensibilität als der nächste Mental-Health-Trend ab und wurde plötzlich modern. Wie der Narzissmus, ADHS, „toxische“ Beziehungskulturen etc. Die HSP (hochsensible Person) war auf einmal omnipräsent: Influencer, Blogs und Literatur, soweit das Auge reicht. Schräg wurde es dann, als sich die Esoterik-Abteilung am Thema zu bedienen begann. HSP hatten plötzlich das dritte Auge, ihre besonderen Bedürfnisse wurden auf immer mehr Bereiche ausgeweitet und machten sie zu nahezu ätherischen Wesen. Sie galten als ganz besondere Seelen, die mehr ahnten, spürten, sahen, wahrnahmen als der Rest der Welt. Sozusagen die Orchideen unter lauter Kakteen. Wenn man gekonnt hätte, hätte man sie am liebsten als Wünschelruten oder Zukunftsorakel eingesetzt. Und den meisten, die ich kennengelernt habe, gefiel das auch ausnehmend gut, schließlich sticht man so aus der breiten Masse hervor.

In Wahrheit und im ganz normalen Alltag fühlt es sich für die wenigsten so romantisch-verklärt an. Vielmehr hat man mit Reizüberflutung zu kämpfen, braucht deutlich mehr Rückzug als andere und hat anscheinend in sehr vielen Dingen eine weit niedrigere Toleranzschwelle als die Leute rund um einen. Was nicht immer dazu führt, dass man als besonderes Geschöpf verehrt wird, das so viel mehr spürt, sondern manchmal schlicht anstrengend für seine Umwelt ist. Eine Mimose, keine Orchidee. Autsch.

Mit der Zeit begann ich mich zu fragen, wie fundiert all diese Inhalte, die in Büchern, Kursen, Podcasts und auf Social Media kursieren, eigentlich sind. Mittlerweile war das Thema prominent genug geworden, sodass sich die Wissenschaft seiner angenommen hatte. Es zeigte sich, dass das Phänomen Hochsensibilität als solches eher umstritten ist in Fachkreisen. Ein Selbsttest aus dem Internet, den man in fünf Minuten ausgefüllt hat, ist bestimmt auch nicht das aussagekräftigste Diagnosetool für eine seriöse Einschätzung. Kein HSP wurde je von einem Psychiater oder Neurologen diagnostiziert, vielmehr bezeichnen sich die Menschen selbst als solche.
Das heißt nicht, dass dieses Phänomen gar nicht existiert und sich eine Gruppe von Menschen diese „Symptome“ nur einbildet – es wird nur nicht unter dem Begriff „Hochsensibilität“ geführt. In der Forschung entwickelte sich der Ansatz, dass HS aus drei Kategorien bestehe, welche mittlerweile als Standard gelten:

1. Eine geringe Reizschwelle
2. Eine hohe Erregbarkeit bei zu vielen Außenreizen
3. Eine ästhetische Sensitivität (Kunst und Natur können eventuell schneller „überwältigende“ Empfindungen auslösen)

Die Wissenschaft verwendet für dieses Phänomen jedoch einen anderen Fachbegriff, nämlich „Sensory Processing Sensitivity“ (SPS), und hat ausführlichere Fragebögen entwickelt. Als seriös gilt z. B. der Test von Philip Jork Herzberg, einem Professor für Persönlichkeitspsychologie und psychologische Diagnostik von der Universität Leiden. Dieser Test spricht auch nicht von HS als übergeordneter Kategorie, sondern teilt Menschen in mehr oder weniger sensibel ein, denn diese Unterschiede existieren tatsächlich.
Andere Psychologen meinen, es wäre nicht richtig, HS als eigenes Persönlichkeitsmerkmal anzusehen. Es gibt ein anderes etabliertes Modell in der Persönlichkeitspsychologie, nämlich die Big 5, mit denen man Menschen und ihren Grad an Sensitivität bestimmen kann, ohne eine eigenständige Kategorie zu entwerfen:

1. Neurotizismus (emotionale Stabilität)
2. Extraversion im Gegensatz zur Introversion
3. Offenheit für Erfahrungen (Kreativität, Kunstsinn)
4. Verträglichkeit (Kooperationsbereitschaft)
5. Gewissenhaftigkeit

Was diesem Modell also fehlt, ist die These der niedrigeren Reizschwelle, denn tatsächlich konnte man nur eine gesteigerte emotionale Reaktion auf Reize herausarbeiten.

Um noch einmal darauf zurückzukommen, wie HSP zu diesen ganz besonderen Pflänzchen hochstilisiert wurden: Die Psychologen Susan Helwig und Markus Rot von der Universität Duisburg schreiben in einem kritischen Fachartikel über HS aus dem Jahr 2021:
„Mit der Metapher wird Hochsensibilität ein neues positives Image verschafft, da Orchideen als spezielle Blumen gelten. Das birgt die Gefahr, dass es einen Shift in der sozialen Erwünschtheit bestimmter Persönlichkeitsmerkmale gäbe, bei denen emotionale Stabilität und Extraversion weniger und Neurotizismus und Introversion mehr erwünscht werden.“
Entscheidend für die beiden ist, dass hohe Werte bei einem Sensibilitätsscore kein erstrebenswerter Zustand sein sollten. Und genau hier sehen sie die Gefahr eines Trends „Hochsensibilität“.
Über die HS wird viel gesprochen, geforscht und spekuliert. Mancherorts wird sie als leichte Form des Autismus dem Anfang des Spektrums zugeteilt, weil sich Autisten und HSP einige Merkmale teilen.

Auf dem Seelenlandeplatz habe ich viele Beiträge zu diesem Thema geschrieben, die ich auch so stehenlassen möchte. Nicht, weil ich alles darin belegen kann, sondern weil ich vieles davon aus eigener Erfahrung kenne und sich Menschen, die es interessiert, ein wenig einlesen können. Heute allerdings würde ich nicht mehr alles unhinterfragt wiedergeben und ich würde auch keinen „Expertinnenkurs“ mehr belegen. Ich freue mich, dass diese Phänomene inzwischen seriös erforscht werden und sich entwickeln dürfen. Deshalb war es mir ein Anliegen, meine Rubrik um diesen Beitrag zu ergänzen, und so darf es auch stehenbleiben.

Im Grunde ist es völlig nebensächlich, was für einen Namen das hat, was ich schon mein ganzes Leben in mir trage. Es fiel mir zusehends schwerer, den Begriff „Hochsensibilität“ zu verwenden, weil ich mich keiner Kategorie zuordnen wollte, von der ich nicht einmal sicher war, ob sie in dieser Form überhaupt existiert – zumal der Begriff zunehmend für allerlei esoterische Vorstellungen und Deutungen vereinnahmt wird.
Was ich über mich weiß, ist, dass ich schon im Kindesalter diverse Situationen oder Stimuli schwerer aushalten konnte als viele meiner Mitmenschen. Ich merkte an mir eine gewisse „Andersartigkeit“, die manchmal belastend und dann wieder völlig selbstverständlich war, vor allem dann, wenn ich in keinen Vergleich treten musste. Wie oft habe ich mich gewundert, was und wie lange Menschen bestimmte Dinge aushalten können und wie wohl sie sich anscheinend in diversen sozialen Situationen fühlen – diese sogar bewusst suchen. Mich hat es eher erleichtert, wenn ich dem meisten davon fernbleiben konnte, eben weil ich mich davon überfordert fühlte.
Als introvertiert würde ich mich dennoch nicht bezeichnen, denn ich habe keinerlei Probleme, aktiv auf Menschen zuzugehen, und ich liebe interessante Dialoge. Aber am liebsten eben mit nur einem Gegenüber. Ich liebe Zeit mit mir alleine. Eine reizarme Umgebung empfinde ich als Wohltat. Mir ist schnell zu warm, zu kalt, zu zugig, zu laut, zu überfüllt etc.
Mag also sein, dass ich in mancherlei Hinsicht etwas anders „funktioniere“. Möglicherweise, weil ich einfach ein wenig sensibler bin.

15 Kommentare zu „Brauchen wir das Etikett „hochsensibel“?“

  1. Ich finde es gut, dass Thema zu hinterfragen, gerade weil es irgendwann in einen Modebegriff umschlug und für manche wohl ein recht nettes Label war. Aber wissenschaftlich untersucht und belegt wurde das Phänomen ja bereits vor dem Trend, Elaine Aron hatte dazu vor über 30 Jahren geforscht. Ja, für die Wissenschaft mögen das noch immer Kinderschuhe sein, aber ich fand das schon passend. Habe kein Diplom 😅, aber auch viele Fachbücher dazu gelesen, mich ausführlich mit den Tests beschäftigt, war in einigen HSP-Gruppen, wollte sogar ein großes ein HSP-Netzwerk aufbauen, aber das hat sich mittlerweile zerschlagen, weil das Thema für mich einfach nicht mehr so präsent ist.

    Ich finde es wichtig, dieses Teil an sich selbst zu respektieren, aber für mich ist es nicht mehr omnipräsent. Ich weiß nicht, ob du die Forschungen von Jerome Kagan kennst, der sich mit Hochreaktivität beschäftigt hat? Für mich ist es genau das, was eigentlich Hochsensibilität beschreibt. Und als selbst hochreaktive Person bemerkt man auch immer wieder Unterschiede zu normalreaktiven und niederreaktiven Personen. Das ist keine Wertung, aber gerade die Erkenntnis, dass es nicht nur hoch- und normalsensible, sondern auch niederreaktive Menschen gibt, fand ich wichtig, es erklärte, warum es manchen Menschen so schwer fällt, zu verstehen, dass andere Menschen intensiver auf Reize reagieren. Sie selbst nehmen es ja völlig anders wahr und halten das das schnell für übertrieben oder sogar Schauspielerei.

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    1. Elaine Aron hat das Phänomen sichtbar gemacht und der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Von ihr stammt ja auch DAS Buch dazu. Aber sie sagt selbst, dass es keine wissenschaftliche Evidenz im herkömmlichen Sinn hat, das hab ich einmal in einem Interview mit ihr gehört. Sie und ihr Mann arbeiteten eigentlich als Paartherapeuten und haben sich dieses Themas angenommen. Jerome Kagan sagt mir was, ja.
      Ich finde es generell wichtig, dass so viel Licht wie möglich in das Thema gebracht wird, damit es – du sagst es richtig – diese Omnipräsenz als Trend und für den einzelnen Menschen verliert. Das Phänomen ist real und sollte auch als solches behandelt werden, aber die HSP selbst macht ja noch weit mehr aus als nur das.
      Danke für deinen Kommentar und die Weiterführung. Liebe Grüße.

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      1. Ja von Elaine Aron gibt’s ja mehrere Bücher, habe von ihr aber nur den Klassiker gelesen. Und weitere Bücher u.a. von Georg Parlow und Sylvia Harke. Und Arons Mann war ja auch in die Forschung involviert.

        Die 2026 veröffentlichte Überarbeitung identifiziert sechs Dimensionen für HS:

        -Verarbeitungstiefe
        -Überstimulation
        -Emotionale Reaktivität
        -Sensitivität für Details
        -Soziale Sensitivität
        -Sensitivität für positive Erfahrungen

        Finde das eine sehr treffende Beschreibung.

        Lediglich der Hang zu Spiritualität und Außersinnliche Erfahrungen, die man Hochsensiblen oft zugesprochen hat, sind nicht wissenschaftlich belegt, aber möglich.

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  2. Einer Frau steht dies gesellschaftlich noch gut zu Gesichte, mag es doch in gewisse Klischees passen. Für mich als Mann, dem es zeitlebens ebenso ging und immer noch geht, hat die Mimose da draußen einen anderen Spiegel.

    Wie gehe ich damit um? Zunächst konsumierte ich 22 Jahre lang ungesunde Sachen, schuf mir eine Parallelwelt und einen chemischen Kokon. Selbstzerstörung eben, das Scheitern vorprogrammiert. Seit nunmehr gut 26 Jahren lerne ich, mit mir zu leben, wie ich nun mal bin. Regelmäßiger Rückzug gehört ebenso dazu wie gutes Hinschauen, mit welchen Menschen ich mich weshalb und wie lange umgebe.

    Danke für die Anregung und Grüße, Reiner

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    1. Viele Menschen, die an den Anforderungen der Gesellschaft „scheitern“ oder zumindest ständige Reibung erfahren, weil sie nicht in das Normbild der bürgerlichen Gesellschaft passen, betäuben sich mit Dingen, Themen, Substanzen, Inhalten etc, um dem zu entkommen, sich gut zu fühlen. Das ist mir nicht fremd. Deshalb ist der kritische Blick darauf auch so wichtig, weil er bei der Emanzipation hilft.
      Danke und liebe Grüße, Reiner.

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