Gedankensplitter

Sei dir unsicher!

Wie soll man damit umgehen, wenn man sich wieder einmal verwirrt fühlt, einen Zweifel und Unsicherheit plagen? Wenn man plötzlich eine neue Perspektive gewinnt und sich fragt, ob man sich geirrt hat oder sich einfach nicht festlegen mag oder kann.
Mir kam ein Zitat unter, welches besagt, dass es zwei Arten von Menschen gibt, die felsenfest von ihrer Meinung überzeugt sind und stur an dieser Überzeugung festhalten: Narren und Fanatiker. Das klingt erst einmal ziemlich polemisch, aber je länger ich darüber nachdachte, desto eher musste ich dem zu einem gewissen Teil zustimmen. Einen Fanatiker überzeugst du selten mit Argumenten – und auch wenig informierte oder ungebildete Menschen kaum. Gleichzeitig haben diese Personengruppen nicht selten einen Feuereifer, zu missionieren und die Meute mitnehmen zu wollen. Wenn Argumente fehlen, braucht man zumindest den Schutz und die Zustimmung der Herde.

Vorübergehende Verwirrung oder die Sachverhalte zu hinterfragen, kann also kein Fehler sein. Wenn man sein Leben immer wieder reflektiert, erkennt man viel eher, wo man gerade steht. Eine „endgültige“ Meinung wovon zu haben, erzeugt den Eindruck, in einer Sackgasse gelandet zu sein. Dabei geht es nicht darum, ständig zu grübeln oder in Misstrauen zu leben, sondern um einen Blick aus der Vogelperspektive: Sind der Standpunkt, der Ort oder die Rolle, die ich gerade einnehme, wirklich oder noch immer passend für mich?
Ich nenne das Weiterentwicklung, Progression. Persönliche Lebensumstände sowie gesellschaftliche Entwicklungen sind einem steten Wandel unterworfen – hier nicht mitzugehen, würde Stillstand bedeuten. Häufig führt dies zu einer persönlichen Dysbalance oder einfach zu Unzufriedenheit – dem Gefühl, dass etwas nicht mehr stimmt. Man muss nicht immer wild entschlossen sein, man darf auch mal überlegen, abwägen. Der Verstand bleibt lebendig, wenn er wach ist, sich Reizen aussetzt und sich neu ausrichten kann. Und ja: Man darf seine Verwirrung sogar willkommen heißen, denn sie ist oft das Portal zu gänzlich neuen Perspektiven, zu mehr Klarheit und Weitsicht. Zuzugeben, dass man heute nicht mehr der ist, der man gestern war, und sich vielleicht auch einmal hat einlullen lassen, kann das Leben enorm bereichern und zu echten Glücks- oder Erfolgsmomenten führen. Auf jeden Fall zu mehr Authentizität. Die fixe Idee, wie eine bestimmte Vorstellung von sich sein zu müssen, macht starr. Es ist ein Fehlschluss, dass besonders weitsichtige Menschen ständig klar entschlossen wären und ausschließlich gute Entscheidungen getroffen hätten – bar jedes Zweifels. Wahrscheinlich ist das Gegenteil der Fall. Bestimmt sahen sie sich des Öfteren massivem inneren Gegenwind oder Unentschlossenheit ausgesetzt, haben dies jedoch als Teil des Weges anerkannt.

Jeder kleine Moment ist eine kostbare Entscheidung – es gibt nicht die eine große. Manche halten stur an etwas fest, weil sie sich vor zehn Jahren dazu entschlossen haben oder es sie damals angesprochen hat. Oder noch schlimmer, weil es Tradition ist. Heute löst es eher Unbehagen aus oder passt schlichtweg nicht mehr ins Bild. Also weg damit. Es hat hier nichts mehr verloren. Vieles davon sind ohnehin Trugbilder oder selbsterschaffene Rollenbilder, die uns einst attraktiv erschienen.
Natürlich soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass man sich ständig umorientieren muss. Wenn sich etwas auch noch bei der hundertsten gedanklichen Umwälzung als tragfähig und nachhaltig herausstellt – alles fein. Dann hat man einen Treffer gelandet.

Zum Abschluss ein Gedanke, der mir gefallen hat: Wenn du aufwachst und nicht weißt, was du tun sollst, in keine Rolle schlüpfst und der Welt mit offener Neugier begegnest – das ist die schönste Art, den Tag zu beginnen. Und dann: Genieße die kurze Verwirrung …

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