Gedankensplitter

Darf was bleiben?

Denkt jemand von euch noch öfter an die Zeit der Pandemie zurück? Erscheint sie euch auch manchmal wie ein Traum, absurd und fremd? Auszeiten, Lockdowns, nie dagewesene Hygieneansprüche und ein gesellschaftliches Leben, wie es uns davor fremd war.
Lange wird es wahrscheinlich nicht mehr dauern, bis die Spuren aus dieser Zeit vollkommen verwischt sein werden. Als ich mir das bewusst gemacht habe, kamen in mir Fragen hoch: Gab es auch gute Dinge? Solche, die bleiben dürfen?

Hin und wieder hört man von Menschen, dass in der Ruhe und Stille, von der diese Monate getragen waren, ein gewisser Genuss lag. Man fühlte sich der Verantwortung enthoben, jede Einladung annehmen zu müssen, verzichtete auf diverse Events, ohne dass es einer Erklärung bedurfte. Es war völlig in Ordnung, sich ruhigen Gewissens zurückziehen. Das tat schließlich jeder, weshalb man nicht mehr als Außenseiter galt.

Einige entdeckten Seiten und Vorlieben an sich, die zuvor von der Lautstärke eines geschäftigen und hektischen Alltagstreibens verschüttet gewesen waren. Noch wertvoller war das neu gewonnene Gespür dafür, was man so gar nicht braucht im Leben, obwohl man es bis dato für unverzichtbar hielt. So viele Menschen haben ihre Kästen und ihr Leben entrümpelt.

Bleiben dürfte meiner Meinung nach der respektvolle Abstand zwischen den Menschen, vor allem zu denen, die man gar nicht kennt. Oder mochtet ihr das früher, wenn ihr von fremden Körpern eingeklemmt wurdet, wenn Gedränge entstand oder wenn sich euch unbekannte Personen wie selbstverständlich bis auf einen Zentimeter Abstand genähert haben? Ist es ein Verlust für die Gesellschaft, wenn das obligate und oberflächliche Wangenkuss-Gehabe ausfällt?
Was dagegen unbedingt bleiben soll, sind herzliche und innige Umarmungen unter Menschen, die einander mögen.

Was wir ebenso beibehalten dürfen, ist die Achtsamkeit unseren Mitmenschen gegenüber. Bei aller Liebe zur Distanz sind wir nun mal auch eine Gemeinschaft. Sich sozial zu verhalten, zum Schutze oder Wohle anderer, dürfte jedenfalls keinem von uns nachhaltig geschadet haben.
Schon vor der Pandemie fand ich es verantwortungslos, mit eindeutigen Krankheitssymptomen bei der Arbeit oder sonst wo aufzukreuzen, wo viele sich tummeln. Egal, ob es sich um Darmgrippe, Schnupfen oder Corona handelt – ich habe auf nichts davon Lust und ich glaube, dass niemand das hat. Man ist nicht der Held, der auf Applaus hoffen darf, wenn man sich trotz Krankheit im Betrieb einfindet.

Was ich überhaupt nicht vermisst habe, ist das Händeschütteln zur Begrüßung oder aus Höflichkeit. Vielen ist nicht bewusst, dass das Unhygienischste am Körper die Hände sind. Steril ist dabei nur, was an Emotion transportiert wird – denn oft erreicht das Schütteln der Hände die Augen nicht; vom Herz will ich gar nicht erst reden. Ich hielt es immer für einen eingeschliffenen Mechanismus, nichts weiter.
Eine Verhaltensbiologin der Universität Wien meinte, dass es durchaus sein kann, dass wir uns diese soziale Geste mit der Zeit und zukünftigen Viren abgewöhnen und uns stattdessen Begrüßungsrituale der asiatischen Bevölkerung aneignen. In weiten Teilen des Kontinents berührt man sich nicht, sondern verneigt sich leicht vor dem Gegenüber. Auf Bali erweitert man dieses Zeichen der Wertschätzung, indem man sich die rechte Handfläche aufs Herz legt, inklusive eines kleinen Lächelns.
Diese kleine Geste vereint in sich, was bleiben darf: Respekt – auch und vor allem vor der Privatsphäre eines anderen Menschen –, Verantwortung für sich selbst und in einem gesunden Ausmaß für andere sowie ein selbstverständliches Hygieneverhalten. Und das alles darf gern mit einer Prise Freundlichkeit garniert werden. 🙂

9 Kommentare zu „Darf was bleiben?

  1. Abstand finde ich gut und den Verzicht auf Händeschütteln dito. Masken machen im Gedränge auch ihren Sinn. Die ganzen Freiheitseinschränkungen dagegen waren mehr als fragwürdig.

    Grüße & einen guten Sonntag Dir, Reiner.

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  2. Einen wunderschönen Guten Morgen,

    dein Text ging mir unter die Haut und ich stimme dir in allen Punkten zu. Ich vermisse zuweilen die „Abstandsregeln“. Denn kaum waren diese wieder aufgehoben fingen die Menschen wieder an sich auf Zentimeter zu näheren. Ich fand es schon vor Corona stets unangenehm, den Atmen fremder Menschen im Nacken spüren zu können. Und als die Abstandsregel eingeführt wurde habe ich mich tatsächlich total gefreut. Diese hätte gerne weiter Bestand haben dürfen. Denn ich kann absolut nicht nachvollziehen warum manche Menschen meinen anderen so nah kommen zu müssen.
    Auch beim Händeschütteln bin ich total bei Dir- es war noch nie meins. Ich habe es oft als unangenehm empfunden und schon vor Corona nur selten Hände geschüttelt. Mir ist jedoch aufgefallen, dass das Hände schütteln seit Corona deutlich weniger geworden ist. Und aus meinen Klosteraufenthalten kenne ich das leichte verneigen zur Begrüßung/ zum Abschied. Das gefällt mir sehr gut.

    Rückblickend betrachtet, war nicht alles schlecht. Ja, manches mag überzogen gewesen sein, aber wie Du finde ich, dass es auch einige positive Aspekte mit sich gebracht hat. Und einige Dinge dürfen gerne bleiben.

    Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag

    Anja

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich denke auch, dass die Dinge nie nur gut oder nur schlecht sind. Es kommt darauf an, worauf wir den Blick richten. Ich freue mich einmal mehr, dass mein Text dich berühren konnte und bedanke mich herzlich für deine persönliche Erzählung! Hab einen feinen Sonntag.

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