Gedankensplitter

Loslassen

Unangefochten an der Spitze der unbeliebtesten Wörter steht bei mir „Loslassen“.
Als ob irgendjemand wüsste, wie das geht. Loslassen ist genauso abstrakt wie Lockerlassen, positiv Denken und Manifestieren. Sobald man es aktiv angehen möchte, ist man schon in einem Denkvorgang. Aus Erfahrung wissen die meisten von uns, dass Dinge sich erst ändern, sobald sie auf der Gefühlsebene gelandet sind bzw. man dafür BEREIT ist. Das vollzieht sich aber nicht im Intellekt.

Wenn, dann lässt es einen los, denkt es einen – oder habt ihr schon einmal geplant, einen Gedanken zu denken? Nein, er kommt einfach. Manchmal ziemlich ungebeten.

Die Aufforderung „lass los“ hat für mich in etwa den Wert eines Kalenderspruchs. Dennoch wird man damit regelrecht zugeschüttet. Mich wundert nicht, dass Menschen, die sich in prekären Situationen oder Lebenskrisen befinden, aggressiv reagieren, wenn man ihnen damit kommt.
Fällt euch auf, dass man diesen heißen Tipp immer dann erhält, wenn einem etwas richtig viel bedeutet? Schon steht der erste Influencer, Ratgeber oder Freund auf der Matte und meint: „Lass einfach los, entspann dich!“ Mache ich doch glatt!
Wenn man nicht adäquat dankbar auf diese Hilfestellung reagiert, wird relativiert: nicht die Person, den Wunschjob oder den Lebenstraum sollst du lassen, nein! „Nur“ einen Glaubenssatz, ein altes Denkmuster, ein Inneres-Kind-Trauma – als hätte jemand direkt Zugriff auf sein Unterbewusstsein und könnte darin den Loslass-Schalter umlegen. Den will ich sehen, der sich bei etwas, das ihm alles bedeutet, einfach zurücklehnen und der Entwicklung buddhistisch entspannt zusehen kann. 

Wenn das Loslassen also eine angeblich machbare Sache ist, dann muss es doch ein Leichtes sein, alles Negative aus seinem Feld zu tilgen. Schnell mal losgelassen und Ängste, Zweifel, innere Kritiker und sonstiger seelischer Unrat ziehen von dannen. Da will man einmal loslassen, – diesmal wirklich! – und dann klappt es nicht. Wie konnte das passieren?

Das ist überzeichnet beschrieben, klar.
Vielleicht wird nachvollziehbar, dass sich der Vorgang des Loslassens von selbst vollzieht, nämlich dann, wenn unser Herz, unsere Seele dazu bereit sind, aber nicht unser Hirn. Loslassen kann man nicht als Vorhaben planen. Alles, was man damit erreicht, ist, sich etwas aus-, ein- oder schönzureden. Die Erfolgsquote dürfte bescheiden ausfallen.
Selbst wenn alles gegen einen Menschen, eine Sache etc. spricht, es tatsächlich gesünder wäre, davon abzulassen – der Prozess ist eine Entwicklung, keine spontane Entscheidung. Außer vielleicht in extremen Situationen, wo rasches Handeln gefragt ist.

Ich persönlich glaube, dass es weit zielführender ist, wenn man seine Lebensumstände mit einem gewissen Abstand beobachtet und innere Widerstände aufzugeben versucht. Abwehr erzeugt Druck, der erzeugt wiederum Gegendruck. Nun mag jemand sagen, das ist doch Loslassen! Nein, ist es nicht. Beim aktiven Loslassen versuche ich, einen Gedanken, zu dem ich mich womöglich noch zwingen muss, in die Tat umzusetzen. Beobachten ist vorerst einmal ein eher passiver Vorgang, der im besten Fall den Weg zur Intuition freischaufelt.

Wenn die Zeit reif ist, etwas natürlich zu Ende gehen darf, man sozusagen durch ist, dann ist man auch im Reinen damit.
Dabei hat jedoch die Gefühlsebene das letzte Wort …

6 Kommentare zu „Loslassen

  1. Meines Erachtens wird der Druck, den du empfindest, von den Assoziationen erzeugt, die du mit diesem Wort verbindest. Je nach Kontext kann „Loslassen“ ganz vieles bedeuten – Gutes wie Schlechtes.
    Nun ist es sicher nicht einfach so möglich, Stichwort-Gefühl-Verbindung wieder aufzulösen. Vor allem dann, wenn sich ein Gefühl von Verlust und Lossagung damit verknüpft, schlägt schnell die Angst noch zu. In einem solchen Kontext ist „Loslassen“ einfach nur grausam.

    Du hast recht, man kann nicht planen oder sich zwingen, bestimmte Gedanken zu denken. Aber geht es darum überhaupt?
    Will „Loslassen“ nicht vielmehr, dass wir die Gedanken an sich ausblenden – dass wir unsere Hirnwichserei ablegen, gedankenleer werden und uns damit für das Universum öffnen?
    Ich persönlich halte es wie Grinsekatz und suche meine Loslassmomente in der Meditation. Gar nicht mal in Form von speziellen Sessions, sondern meist nur als kurzes Innehalten in der Alltagsmühle. Oft reichen da schon wenige Minuten, manchmal auch nur Sekunden, um alle Gedanken zu löschen und die Intention des Universums zu erkennen.
    Du hast auf deinem Blog diese schöne Rubrik „Wu Wei“ eröffnet. Diese Philosophie verfolge ich schon lange, auch wenn sie erst seit ein paar Jahren diesen Namen für mich trägt.
    Aus meiner Sicht ist das wichtigste Grundprinzip des Wu Wei die Gedankenleere – oder ganz einfach gesagt, das Ausschalten des eigenen Kopfkinos.
    Wie man das anstellt und welche inneren Wege man dabei geht, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Für mich ist diese Gedankenleere jedoch die höchste Form des Loslassens. Deswegen konnte ich auch meinen Frieden mit diesem Begriff schließen.
    Ich könnte mir gut vorstellen, dass du auch schon solche Momente der Gedankenleere hattest, wo du doch jetzt das Wu Wei für dich entdeckt hast.
    Wer weiß, womöglich konntest du schon viel öfter loslassen, als dir bewusstwurde. 😉

    (Sorry für den langen Kommentar. Kürzer ging’s gerade nicht. )

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    1. Tu dir keinen Zwang an! 😉 Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Es freut mich, dass dir meine neue Rubrik gefällt, tatsächlich ändert Wu Wei ganz schön was in meinem Leben. Ich bin sogar davon überzeugt, dass ich schon tausendmal losgelassen habe – und es unbewusst passiert ist. 😉

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  2. Abstand und (zeitliche) Distanz sind der Beginn einer Lösung, ja. Mir gehen diese Phrasen auch auf die Nerven. Lass los, entspann dich, Alter.. Da möchte ich am liebsten entsprechend antworten, was aber auch nicht zielführend wäre. Das sprichwörtliche loslassen gelingt mir persönlich für den Augenblick nur in der Meditation. Der Tag profitiert von deren Nachwirkung, eine Weile.

    Liebe Grüße & einen guten Sonntag dir!

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