Gedankensplitter

Im Augenblick

Leben findet im Augenblick statt. Nirgends sonst – weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Erstaunlicherweise halten wir uns allerdings am liebsten in einer jener zwei Zeitzonen auf. Der Moment scheint unbeachtet an uns vorüberzuziehen. Liegt das daran, dass man Spektakel oder große Lebensereignisse erst in der Nachschau erkennt bzw. sie als fernes Ziel anstrebt?

In den Schriften Senecas findet sich dazu Folgendes:
„Der größte Verlust für das Leben ist die Verzögerung, sie raubt uns die Gegenwart, während sie Fernliegendes in Aussicht stellt. Das größte Hemmnis des Lebens ist die Erwartung, die sich an das Morgen hängt und das Heute verloren gibt. Wonach streckst du die Arme aus? Alles, was da kommen soll, liegt im Ungewissen. Jetzt, auf der Stelle, erfasse das Leben!“

Wie viel Lebenszeit vergeuden wir damit, Vergangenem nachzuhängen oder die Zukunft zu fürchten? Als ein an allen Ecken versicherter Mensch der westlichen Welt wollen wir natürlich auch eine Garantie für Dinge, auf die wir wenig bis keinen Einfluss haben.
Wir wollen die Zukunft durch Kontrolle in die Gegenwart ziehen, um möglichst nicht negativ überrascht zu werden. Vorhersehbarkeit und Angst vor Veränderung gaukeln uns Sicherheit vor, wenn auch auf recht wackeligen Beinen. Das Wechselspiel zwischen überzogenen Erwartungen und dem Erstarren in gedanklichen Tunneln lässt uns den Blick auf die aktuellen Entwicklungen verlieren. Dann wirkt es, als würden wir bloß auf der Stelle treten – was natürlich nicht stimmt.

Verstehen wir es noch, einfach zu schauen, was der Augenblick zu bieten hat?
Ich denke, dass reale Wahrnehmung und deren Genuss ausschließlich durch Hingabe an den Moment möglich sind.

Nachsatz: Ich denke, zu keinem Zeitpunkt wird einem die Macht des Augenblicks mehr bewusst, als wenn man krank ist. Wenn man gerade keine Möglichkeit hat, aktiv am Leben teilzunehmen, in die Passivität gezwungen wird, weil einem schlicht die Kraft fehlt. Der kleine Virusfreund, der mich aktuell heimgesucht hat, erteilt mir gerade ein paar Lehrstunden gratis. 😉

8 Kommentare zu „Im Augenblick

  1. Für Zenbuddhisten ist es der Schlüssel zum Glück, das Bewusstsein: Die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht; in diesem Moment aber sind alle Bedingungen erfüllt, um glücklich zu sein.

    Ich wünsche dir eine schnelle Genesung. 🙂

    Gefällt 1 Person

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