Gedankensplitter

Harte Kost

Aktuell wird viel Wirbel um die Netflix-Serie „Dahmer“ gemacht.

Oft heißt es, der Streaminganbieter solle sich schämen, Serienmördern ständig eine Bühne zu bieten und sie mitunter geradezu als Helden zu inszenieren. Man denke an Ted Bundy, der als charismatisch und attraktiv dargestellt worden sei. Opfer würden verhöhnt, keiner der Betroffenen gefragt, ob er mit der Verfilmung seiner Geschichte einverstanden wäre etc.

Es ist kein neumodisches Phänomen, dass True Crime die Menschen fasziniert. Das tat es schon immer.

Als ich „Dead Man Walking“ mit Sean Penn und Susan Sarandon in den Hauptrollen zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mehr geweint als bei jeder Romantikschnulze – weil das richtig in die Tiefe ging. Ich war betroffen, als das „Monster“ mit der Giftspritze umgebracht wurde. Eine normale menschliche Regung, würde ich meinen. Sean Penn brachte seine Darstellung von Gewalt und Reue damals eine Oscarnominierung ein. Susan Sarandon, die in der Rolle einer Ordensschwester den Volkszorn auf sich zog, weil sie einen Mörder bis zu seinem letzten Gang seelsorgerisch begleitete, wurde ebenfalls nominiert.

Auch ich habe mich irgendwann gefragt, was mich an Thriller, Crime oder Horror reizt. Müssten wir nicht instinktiv ausweichen und diese Dinge von uns fernhalten? Sollte uns nicht daran gelegen sein, unser Feld schön sauber zu halten? Ich denke, dass genau hier das Offensichtliche liegt.

Menschen frönen dieser Art von Unterhaltung, weil wir alle Licht UND Schatten in uns tragen; weil wir bestrebt sind und von der Gesellschaft ermahnt, die Schatten im Zaum zu halten – was bezüglich Gewalt oder gar Mord natürlich außer Diskussion steht. Doch in der Welt, wie wir sie aktuell kennen, wird das auf die Spitze getrieben.
Jeder Fehltritt in Sachen Political Correctness wird argwöhnisch beäugt: Am besten denkst du dir deine Meinung zu manchen Themen noch nicht einmal. Schön stillhalten und mitlaufen. Nicht anecken und schon gar nicht den Anschein erwecken, in fragwürdiges Gedankengut abzurutschen. Empfinde keine Wut und erst recht keinen Hass.
Menschen empfinden das aber nun mal. Es gehört zu uns. Wenn wir uns bereits hier beschneiden müssen, dann wundert es mich nicht, dass sich all die vermeintlich dunklen Gefühle einen Kanal suchen – im schlimmsten Fall einen sehr extremen.

In einem Artikel stand zu lesen, dass wir diese Art von Film deshalb auf dem Bildschirm verfolgen, weil wir im Wohnzimmer in Sicherheit sind und andere für uns agieren. Wir lagern also die Schatten in uns aus – interessant.

Obwohl wir in einer Welt leben, in der man alles auf Biegen und Brechen glattbügeln will, die kein rebellisches Aufbegehren duldet und schon das Nichtgendern mit scharfem Blick verfolgt, verbucht Netflix bei „Squid Game“ und „Dahmer“ die höchsten Zuschauerzahlen. Ist das nicht bezeichnend?
Ich will hier nicht falsch verstanden werden. Ich bin weit davon entfernt, jegliche Form der Gewalt zu rechtfertigen. Ich finde allerdings, dass wir uns diesen Fragen stellen müssen: Warum fahren Liebesfilme – natürlich solche, die „Diversity“ inkludieren – keine ähnlichen Einschaltquoten ein? Warum ausgerechnet diese abstoßenden Bilder?

Wir schauen einer fehlgeleiteten Psyche in Seelenruhe beim Morden zu und essen Chips dabei. Gleichzeitig spenden wir für den Tierschutz. Müsste sich das nicht ausschließen?
Nein. Natürlich nicht. Es zeigt, dass mehrere Persönlichkeitsanteile in uns beachtet werden wollen, wenn nicht gar beachtet werden müssen. Teile, die ausnahmslos jeder von uns in sich trägt, in unterschiedlichen Ausprägungen.
Uns andauernd auf die vermeintlich richtige Seite drängen zu lassen, lässt uns im Wohnzimmer dabei zusehen, wie andere Verbrechen begehen. Und das direkt in vollem Ausmaß – um Ladendiebstahl dreht es sich selten. Man schaue sich die Einschaltquoten des Tatorts an, dann kennt man das Lieblingsritual zahlloser Bürger zum Wochenausklang.

Vielleicht würde ein wenig mehr Toleranz unseren eigenen Schattenanteilen gegenüber nicht schaden. Vielleicht müssten auch nicht sofort ganze Leben zerstört werden, bloß weil jemand auf der scheinbar falschen Meinungsseite angesiedelt ist. Würden wir das beherzigen, vielleicht würde das Interesse an solch harter Kost dann von ganz allein abflauen …

8 Kommentare zu „Harte Kost

  1. Alles glatt bügeln heißt nichts anderes, als andere Meinungen unterdrücken. Wie immer wird Gewalt in einem neuen Kleid versteckt. Es ist auch absurd, sich als Moral aufspielen wollen, in einer Welt, die selten so viel Gewalt inne hatte, wie diese Zeit. Allein Menschen eine Richtung, eine Meinung aufzwingen wollen zeigt von einem großen Gewaltpotential. Alles verdammen, das einer Meinung nicht folgt, zeugt von vergangenen Zeiten, die man doch angeblich nicht mehr leben möchte. Auf der einen Seite die Vielfalt predigen und auf der anderen Seite die vielen Meinungen verdammen , ist einfach nur verlogen. Verlogenheit war schon immer Zeichen versteckter Dogmen. Alles nichts neues.

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