Inspirierende Persönlichkeiten

Pippi Langstrumpf

Wir alle haben unsere Helden der Kindheit.
Meine war eindeutig Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, – so viel Zeit muss sein – besser bekannt als Pippi. Ich habe sie mit zärtlicher Hingabe lieb gehabt, alle Bücher verschlungen, die Filme und natürlich die weltbekannte Serie gesehen. Wie oft habe ich versucht, meine dunklen Zöpfe in die Waagrechte zu befördern, ich konnte nicht verstehen, wie Pippi bloß ihre Frisur hinkriegte.

Pippi Langstrumpfs Weisheiten bedienen sich mittlerweile selbst Psychologen. Sie sind aber auch zu gut!
Was sie so besonders macht, ist, dass sie mit einer anmutigen Selbstsicherheit aus ihr kommen. Das Mädchen mag sich einfach, ohne den Hauch von Narzissmus. Pippi ist stark, nicht nur körperlich, weil sie ihr Pferd „Kleiner Onkel“ in die Höhe stemmen kann. Sie ist mutig, kreativ, ein Freigeist, der sich um keine Konventionen kümmert, dabei jedoch von einem ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn geprägt ist. Ihr Auge für die Umwelt und für ihre Mitmenschen ist gestochen scharf, und niemals, wirklich niemals würde sie einem Menschen willentlich schaden.
Mit Kleingeistern, Machtmenschen und charakterlich fragwürdigen Zeitgenossen verfährt sie nicht zimperlich, übertritt aber auch hier niemals die Grenzen der Menschenwürde und des guten Geschmacks. Viel eher erinnern ihre kleinen Streiche an Schabernack, stets bedient sie sich dabei eines frechen Augenzwinkerns. Die so „Geschädigten“ erleiden außer einer kleinen Lektion keine nachhaltigen Verletzungen. Pippi weiß um die Grenzen.

Fräulein Langstrumpf lebt ausschließlich im Augenblick, ihre Aufmerksamkeit ähnelt einem Laser. Deshalb wühlt sie auch weder im Schlamm der Vergangenheit, noch brütet sie Zukunftssorgen aus.
Eckart Tolle hätte seine wahre Freude an ihr. 😉

Gegenwind schreckt sie nicht ab. Als Tommy und Annika befürchten, „der Sturm wird immer stärker!“, entgegnet Pippi: „Macht nichts, ich auch!“. Das ist Resilienz.
Sie weiß um ihre Talente, ihre Stärken und Superkräfte. Ein Zitat, das vielleicht eines der bekanntesten ist, lautet: „Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.“
Was soll man dazu noch sagen? Außer sich selbst zu fragen, warum wir uns alle immer klein machen, viel mehr, als es das Umfeld tut? Warum nagen die Selbstzweifel wie kleine Ratten an unserem Wertgefühl, warum heben wir nicht den Blick und sagen uns: Du bist gut, wie du bist! Lieber rennen wir einer unerreichbaren Perfektion nach, treiben den Optimierungswahn auf die Spitze und verpassen die besten Momente voller Wunder, voller Magie, voll prallem Leben.

Der Rotschopf sagt altklug: „Vielleicht sollten wir manchmal einfach das tun, was uns glücklich macht, und nicht das, was vielleicht am besten ist.“ Ja, „sie macht sich ihre Welt, widde widde wie sie ihr gefällt.“
Natürlich sollten wir uns alle die Welt richten, wie sie uns gefällt. Unbedingt, dafür breche ich eine Lanze. Wenn wir dabei im Auge behalten, dass unsere persönlichen Freiheiten und Spinnereien da enden, wo sie die eines anderen Menschen verletzen, dürfte dabei wenig schiefgehen. Zu viele von uns stecken in Leben fest, die ihrem Herzen überhaupt nicht entsprechen. Der Mut, die Komfortzone zu verlassen, fehlt.
Ich bin der Meinung, dass ein gewisser Rahmen an Disziplin, Struktur und Wertempfinden wichtig für ein glückliches (zufriedenes?) und, ja, erfolgreiches Leben ist.
Kindliche Neugier, eine gewisse Offenheit für Verrücktheiten und ab und zu einfach nur grundlos glücklich sein, kann bestimmt dabei helfen. Sich Tagträumen hingeben oder einfach mal ein Eis im Regen essen. Bei Hitze kann jeder. Manchmal dürfen die Analysen, ob das jetzt eventuelle Folgen haben könnte, wie z.B. Glücksverkaterung oder Halsweh, ein wenig ruhen.

Pippi weiß, wie wichtig Pausen im Leben sind: „Faul sein ist wunderschön! Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen.“ Großartig, oder?
Aber wir leiden alle unter Leistungsdruck, Karrierestreben und dann auch noch Freizeitstress.
Wir haben anscheinend vergessen, dass die besten Dinge in der Stille geschaffen wurden und passieren. Die Sucht nach Applaus ist in jeder Form der Feind von natürlicher und strahlender Kreativität. Eine, die mehr ist als ein vergänglicher Reiz an der Hautoberfläche.
Einfach dasitzen und vor sich hin schauen. Probieren wir das mal, ich glaube, da können wir ganze Universen entdecken …

Was mich an der kleinen, großen Pippi am meisten fasziniert, ist ihre Authentizität. Sie hat sich kein einziges Mal verbogen, weder für Erwachsene oder Autoritätspersonen, noch für ihre Freunde und schon gar nicht dafür, um zu gefallen und von jedermann gemocht zu werden.
Das Erstaunliche ist, wir haben ihr alle dabei zugesehen, und wir alle lieben sie dafür.
Klingelt es? Auch wir werden dafür geliebt, wer wir sind, am besten ganz ohne Masken. Unseren Mitmenschen zutrauen, dass sie damit umgehen können, auch mal unsicher sein wie ein Kind, schutzbedürftig, sehnsüchtig. Uns mit Anlauf in die Arme eines geliebten Menschen stürzen dürfen und keine anstrengenden Rollen spielen müssen. Wenn wir Gefühle nicht so oft hinter Witz und Sarkasmus verstecken, bleiben sie am Ende unbemerkt.
Wann haben wir aufgehört, fühlende Wesen zu sein, die sich genau dafür schämen oder schuldig fühlen?

Pippi wurde zum Glück in einer Zeit geschaffen, als wir noch nicht von dauernd Empörten umringt waren. Da war okay, dass sie sich ein Pferd auf der Veranda hielt, ein Äffchen im Haus, man einem knapp zehnjährigen Mädchen Strümpfe mit Strumpfhaltern anzieht und die dann noch kess unter ihrem Kleidchen hervorblitzen lässt. Huch.
Ein tapferes Mädchen, das Autoritäten hinterfragt, lieber auf ihr Gefühl hört und trotzdem – oder genau deswegen? – ein goldglänzendes Charakterstück ist.
Man muss sich nur die Biografie ihrer Schöpferin, die ich ebenso verehre, anschauen: Astrid Lindgren, der ich übrigens auch einen Blogeintrag gewidmet habe.
Wer ihn nachlesen will: https://seelenlandeplatz.blog/2020/06/14/astrid-lindgren/

Abschließend erlaube ich mir, mich aus eben jenem selbst zu zitieren:
„Danke Astrid, dass du uns die charmanteste, witzigste, frechste, warmherzigste, gerechteste, weltoffenste und süßeste Feministin geschenkt hast, die die Welt je gesehen hat!“

PS: Dass sie aus meinem Herzensland Schweden kommt, ist noch die Kirsche auf der Sahne.

Fotoquelle: http://www.promipool.de/tv-film (©Imago Images/United Archives)

12 Kommentare zu „Pippi Langstrumpf

    1. Du, ich glaube, dass das ganz vielen Menschen so geht. Wir wagen manches nicht aus Angst, uns zum Narren zu machen oder weil es uns eine Nummer zu groß erscheint! Was uns dabei alles entgeht. Annika gehört auf jeden Fall zu den Mädchen, die in der zweiten Reihe stehen, weil sie nicht so auffällig sind, aber das Potential für die erste haben, so es jemand entdeckt! Liebe Grüße zurück!

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