Gesellschaft

Die stille Lüge der Sinnsuche

Es hat eine Weile gebraucht, bis ich all diese der Seele schmeichelnden Zitate in ihrem Kern erfasst bzw. ein Stück weitergedacht habe.
Wer kennt es nicht? „Finde das, was dir Spaß macht.“ „Mache, was deine Seele mit Freude erfüllt.“ „Entdecke die Tätigkeit, die du am besten für die nächsten 45 Jahre ausüben kannst.“ – So würde es unsere Leistungsgesellschaft formulieren. Man wird aufgefordert, nach dem Sinn des eigenen Daseins zu forschen, eine Aufgabe, die eigentlich gar nicht zu stemmen ist und die Menschen eher ratlos und unruhig zurücklässt, als sie anzuspornen. Die Medaille hat nämlich zwei Seiten.

Ist es überhaupt möglich, dass jeder Mensch sich in diesem System verwirklichen kann, tun kann, was ihn erfüllt oder wovon er denkt, dass es seine Bestimmung ist? Weiß das überhaupt irgendwer? Wir sollten nicht unterschätzen, dass wir beeinflusst sind: von dem Ort, an dem wir leben, von den Eltern und der Familie, einem Freundeskreis und einer Konsumgesellschaft, die uns genau sagt, was wir alles haben und sein wollen.
Da wäre ich also schon einmal vorsichtig, mich mit irgendetwas zu identifizieren, von dem ich nur denke, dass es genau „meins“ ist. Abgesehen davon: Würde, wenn dies so einfach wäre, nicht jeder Mensch machen, was er liebt? Viel eher zeigt es sich an einigen wenigen Ausnahmen, die Glück oder ein gutes Netzwerk haben.
Manche suchen dann ein Leben lang nach der Berufung und fühlen sich am Ende, wenn nichts dabei herauskommt, leer. Gar unnütz? Denn die zweite Seite der Medaille ist die, dass man ganz subtil und doch raffiniert aufgefordert wird, sich diese Beschäftigung zu suchen, mit der man sich dann in die Berufswelt einbringen kann. Mit der man pflichtbewusst seinen Teil zur Profitsteigerung beitragen kann. Mit dem Zusatz „was deine Seele erfüllt“ gibt man dem Ganzen einen vermeintlich humanen Anstrich.

Sozialforscher haben herausgefunden, dass die zufriedensten Menschen jene waren, die nicht mehr nach ihrer Existenzberechtigung gesucht hatten. Nicht aus Resignation, sondern weil sie etwas verstanden hatten, was die westliche Welt einen nicht lehrt oder sogar zu unterdrücken versucht: Es gibt keinen Grund zu leben außer das Leben selbst. Er ist bereits da und nicht etwa in einer fernen Zukunft. Er ist das, was dich morgens motiviert, aus dem Bett zu kommen. Und nein, da geht es oft nicht um einen Job, und schon gar nicht um einen, wo lust- und lieblos Lohnarbeit praktiziert wird, einfach, um sich das nackte Leben leisten zu können. Da handelt es sich um kleine Dinge: den ersten Schluck Kaffee, die Yoga-Einheit am Morgen, um Kreativität oder einfach nur um das Verweilen in der Natur. Ohne schlechtes Gewissen oder die Befürchtung, von anderen als Nichtsnutz abgestempelt zu werden.
Es ist diese Vorfreude, die einen jeden Morgen in das Leben zurückholt, nicht die Peitsche des Pflichtgefühls.

Aber das hört die Leistungsgesellschaft nicht gerne. Denn da werden Menschen eventuell rebellisch, lehnen sich auf, stehen für das Kostbarste ein, das ihnen zur Verfügung steht: ihre eigene Lebenszeit.
Wir haben dieses Gefühl verloren im Westen, und der Preis, den wir dafür zahlen, können keine Gehaltserhöhung oder ein paar Wochen Urlaub ausgleichen oder erstatten.
Wir machen, was uns von Kindesbeinen an gelernt wurde, studieren, arbeiten, leisten. Wir erreichen Ziele, die wir uns vielleicht nie gesteckt haben, und irgendwann kommt der Punkt, an dem fast jeder sich fragt: Ist das alles? Wir nennen das dann gerne Midlife-Crisis und schmunzeln dabei. In Wahrheit ist es die leise Tragik einer Existenz, die sich nie richtig entfalten konnte. Ja, es mag Menschen geben, die in ihren Jobs aufblühen, aber ich bin sicher, die breite Masse tut es nicht.
Wir können diese Frage dann ignorieren, aber sie wird sich früher oder später Gehör verschaffen, und sei es in einer Krankheit, einer plötzlichen Wendung des Lebens, die wie ein Weckruf wirkt.

Die moderne Welt hat uns eine Lüge aufgetischt: Wenn du nur das Richtige tust, wirst du auch das Richtige fühlen, sprich: für immer glücklich sein. Finde, wofür du brennst, folge deinem Herzen. Wir haben diese Worte so oft gehört, dass wir sie für wahr halten, aber sie sind Werbetexte. Gut klingende Slogans für ein Produkt, das es so nicht gibt. Denn das setzt voraus, dass dieses „Herzensprojekt“ auf jeden Fall existiert und es nur auf dich wartet. Fertig verpackt, mit Schleife, bereit, von dir abgeholt zu werden. Du musst es nur noch finden.

Und so vergeuden Menschen Jahre mit einer vergeblichen Suche, die sie frustriert zurücklässt. Sie wechseln Jobs, absolvieren Kurse, buchen Retreats auf Bali oder einem anderen Sehnsuchtsziel. Und springt der Funke nirgends über, wird einem die zweite Lüge aufgetischt: Du bist noch nicht so weit, so gut, engagiert genug. Du willst es anscheinend noch nicht genug, sonst wärst du längst so weit. In uns beginnen dann Selbstgespräche, die uns aushöhlen. Es ist nicht das äußere Scheitern, sondern die Überzeugung, die in uns wächst, dass mit uns etwas grundlegend falsch ist. Alle anderen sind schon da, nur man selbst hängt hinten nach.
Und diese Glaubenssätze, die von solchen westlich geprägten Parolen ausgelöst werden, sind ungesund und menschenfeindlich. Völlig wider unsere Natur. Wir predigen, dass eine Liebesbeziehung sich nur entfalten kann, wenn man einander maximalen Raum zur Selbstentfaltung schenkt, aber komischerweise scheint die Berufswelt nach anderen Regeln zu spielen. Die interessiert viel mehr, dass du ablieferst, am besten bis ins hohe Alter.

Ganz am Ende habe ich mir noch folgende Frage gestellt: Wir hier, die wir in sehr reichen Ländern leben, haben anscheinend viel Zeit für diese Aufgabenstellung. Das zu finden, was unser Herz erfüllt. Passiert das auch im globalen Süden, im Nahen Osten, in Teilen von Asien? Haben diese Menschen überhaupt die Möglichkeit zur Selbstoptimierung oder ganz andere Sorgen? Eine schwer zu übersehende Dysbalance, würde ich meinen, die wir hier für sinnstiftend halten.

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