Der Begriff des Selbstwertgefühls bzw. die Optimierung dessen wird uns in regelmäßiger Häufigkeit zur psychischen Hygiene vorgeschlagen.
Wieder einmal ein abstrakter Begriff, mit dem unser Gehirn vorerst wenig anfangen kann. Eher noch lässt er uns in eine Art Stresszustand geraten: Was muss ich alles dafür tun, was mache ich falsch, wie mache ich es besser? Denken, analysieren, recherchieren, machen – der übliche Kreislauf, der nur äußerst selten gewünschte und vor allem nachhaltige Ergebnisse liefert.
Besagtes Gefühl sollte vor allem dann seinen Job tun, wenn wir uns verletzt, zurückgewiesen oder abgewertet fühlen. Dann kommen auch schnell die Fragen auf:
Bin ich eigentlich gut genug? Wichtig genug? Habe ich etwas falsch gemacht? Bin ich zu viel, zu wenig? Genüge ich nicht? Das erzeugt Druck.
Wenn alles harmonisch verläuft, fühlt sich dieser Selbstwert stabil an. Aber in nur einem Moment der Unsicherheit kann er kippen, denn zumeist ist dieses Gefühl an Bedingungen geknüpft: Solange wir abliefern und überzeugen, ist alles gut.
Vielleicht stellen wir uns einfach die falsche Frage. „Was kann ich tun, um meinen Selbstwert zu steigern?“ scheint nicht des Rätsels Lösung zu sein.
Was macht es mit uns, wenn wir stattdessen ergebnisoffen bleiben: „Wie gehe ich mit dieser Niederlage um? Wie damit, dass ich mich gerade schäme oder mich angegriffen oder herabgewürdigt fühle?“ Ja, manche Zustände kommen einfach fürchterlich daher, nichts an derlei Situationen kann oder muss schöngeredet werden. Anstatt Druck auf uns selbst auszuüben und schnell wieder den Selbstwert aufpäppeln zu müssen, könnten wir uns stattdessen Selbstmitgefühl entgegenbringen. Verständnis, Geduld und Fürsorge. Das greift vor allem dann, wenn das Selbstwertempfinden zusammenbricht. Mitgefühl denkt nicht bemüht positiv, redet nichts besser, sondern erfasst lediglich den Moment, und der mag gerade schlicht nicht schön sein. Das darf dann auch genau so stehenbleiben.
Sich die Treue zu halten, obwohl es richtig wehtut, ist ein Stehen zu sich selbst. Das Eingeständnis, dass sich in diesem Moment nichts gut anfühlt, ohne etwas beheben zu müssen, wirkt befreiend. Im Vertrauen zu leben, dass das meiste sich alleine regelt, ist keine Passivität oder Gleichgültigkeit. Vielmehr übernehmen wir Verantwortung, bleiben handlungsfähig und erholen uns bedeutend schneller. Wir vergeuden keine Energie für einen Kampf mit uns selbst, in dem es darum geht, wie wir uns noch weiter verbessern könnten. Anstatt ein inneres Tribunal abzuhalten und zu ergründen, was denn mit uns nicht stimmt, dürfen wir uns fragen, wie wir uns trotzdem versöhnlich begegnen können. Das erspart endloses Grübeln und das Suchen nach Lösungen.
Unsere Gefühle brauchen keine Schelte und wollen auch nicht ignoriert oder unterdrückt werden. Sie sind, wie sie sind, und das zu akzeptieren, lässt uns heilen und wieder Verantwortung übernehmen. Es hat sich gezeigt, dass wir Rückschläge besser verkraften, wenn wir freundlich mit uns umgehen. Man verletzt sich nicht noch zusätzlich in einer ohnehin schwierigen Situation.
Also lasst uns den inneren Tonfall uns selbst gegenüber verändern und uns auch mal sagen: „Ja, das ist gerade schwer für mich.“ Und dann kümmern wir uns um unser Inneres, ohne spirituellen oder sonstigen Heilsversprechen hinterherzulaufen. Manchmal reicht ein Heißgetränk. Das wusste schon Sheldon. 😉
