Im ersten Teil habe ich erklärt, wie es überhaupt dazu kommen kann, dass der Körper Traumata abspeichert. Heute wollen wir uns die Maßnahmen anschauen, die helfen können, sich davon zu erholen.
Das Wesentliche zuerst: Wenn wir von Heilung sprechen, geht es nicht darum, die Vergangenheit zu vergessen, sondern langsam zu lernen, wieder Vertrauen zu fassen und sich in der Gegenwart sicher zu fühlen. Das ist ein Prozess.
Ein erster Schritt ist die Bewusstmachung des Geschehens. So entsteht der Raum, in dem man einen Schritt zurücktreten und seine Muster erkennen kann. Bereits diese Erkenntnis ist ein wichtiger Punkt, um nicht mehr als „Reiz-Reaktionsmaschine“ zu agieren. Zum bewussten Beobachter seiner inneren Abläufe zu werden, lässt einen aus der Opferrolle aussteigen. Kleine, besonders sich wiederholende Erfahrungen von Sicherheit und Ruhe zu machen, trägt dazu bei, dass der Körper neue Muster übernimmt.
Ein äußerst effektives und wertvolles Werkzeug – vielleicht sogar das wichtigste – ist die Atmung, die uns jederzeit und kostenlos zur Verfügung steht. In die Körperregion zu atmen, wo man die meiste Anspannung fühlt, versorgt diese Stelle mit frischem Sauerstoff und ist eine bekannte Technik aus der physiotherapeutischen Atemtherapie.
Dabei geht es stets um Beobachtung und Wahrnehmung, nicht um Veränderung um jeden Preis. Anleitungen für bewusstes Atmen findet man im Netz, in Büchern, Podcasts oder Videos.
Auch ganz allgemein hilft es, den Fokus auf den Körper zu legen. Es lässt einen ruhiger werden, egal, ob man die Aufmerksamkeit auf den Boden unter den Fußsohlen richtet, etwas berührt oder sich bewusst darauf einlässt, was man sieht, hört oder riecht.
Wahre Wunder kann zudem Bewegung vollbringen – ein Spaziergang in den Wald, wandern oder sich einfach nur einmal richtig ausschütteln. Wenn es Spaß macht, kann man tanzen, seilspringen oder auf das Trampolin steigen. Weniger zielführend sind hier Kraftsport oder Cardiotraining – besser sanft und verspielt bleiben. Über diese sanften Bewegungen kann der Körper sich gewissermaßen „entladen“.
Ein weiterer und wichtiger Baustein sind stabile, vertrauensfördernde Partnerschaften, in denen man in einem Moment der Ruhe Nähe lernen darf – in denen man lernen darf stehenzubleiben, obwohl man eigentlich fliehen will. Eine Umarmung, der innige Augenkontakt zu einem geliebten Menschen oder auch nur ein angenehmes Gespräch (ohne Tipps und Ratschläge) können wie Medizin wirken. In der Forschung wird das Co-Regulation genannt: Man beruhigt sich durch die stille und sichere Präsenz eines anderen Menschen.
Es geht also nicht darum, stark zu sein, sondern sanft und nachsichtig mit sich selbst.
Die Summe all dieser kleinen Stellschrauben und sich wiederholender, neuer Erfahrungen kann dazu beitragen, dass wir uns schließlich wieder sicher in unserer Haut fühlen. Das Nervensystem lernt, Ruhe zuzulassen. Das Ziel ist nicht, sich nie wieder getriggert zu fühlen, denn das wird nicht passieren. Heilung ist kein Spektakel oder etwas Spontanes, und gerade deshalb dürfen wir geduldig mit uns sein.
Nach und nach kehrt man so aber zurück in die Gegenwart, weg von den alten Erinnerungen aus tiefster Vergangenheit. Und in dieser Präsenz liegt echte Freiheit …
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