Gedankensplitter

Unbeliebtes Ego

Um sein Image braucht man das Ego nicht zu beneiden. Kaum ein Persönlichkeitsanteil des Menschen genießt einen vergleichbar schlechten Ruf. Hört man auf diverse Ratgeber und auf die gängige Seelen-Coachingszene, muss es unser vordergründiges Anliegen sein, uns des Egos auf Nimmerwiedersehen zu entledigen – frei und rein davon zu werden und zu bleiben.
In speziell entarteten Fällen, wie manche Staatsoberhäupter oder machthungrige Menschen es vorleben, ergibt das durchaus Sinn. Wenn es nur mehr der Manipulation und dem eigenen Vorteil ohne Rücksicht auf Verluste dient, sollte man sich überlegen, daran zu schrauben. Aber darum geht es hier nicht. Hier geht es um wesentlich allgemeinere Aussagen.

Man soll sich also vom Ego befreien. Das ist das eine. Das andere, mindestens ebenso große Schlagwort, ist die Selbstliebe. Nun frage ich mich: Wie ist das eine ohne das andere möglich? Wir sollen an beidem arbeiten. Wen aber liebe ich dann oder erkenne seinen Wert, wenn ich „mich“ versuche, abzuschalten? Mit allem, was mich ausmacht?

Ich finde es widernatürlich, wenn man das Ego als etwas Dunkles beschreibt, das unsere helle Seele beschmutzt und in ihrer Entwicklung hemmt. Wahrscheinlich ist das Gegenteil der Fall: Die beiden bedingen einander, brauchen einander, damit überhaupt so etwas wie Leben entsteht. Etwas Lebendiges. Alles andere wäre statisch. Es gäbe kein Vorankommen, keinen Biss und keinen Antrieb.
Unseren Überlebenswillen haben wir bestimmt dem Ego zu verdanken, der Energie, die uns voranbringt. Wenn wir es also ausschalten, werden wir dann tatsächlich zu erwartungsfreien, bedingungslos liebenden und wunschlos zufriedenen Menschen? Daran habe ich Zweifel; das fühlt sich steril an, ja, irgendwie leblos.

Wir sind Menschen. Fühlende, atmende, von Sehnsüchten und Träumen erfüllte Wesen.
Diese Eigenschaften braucht das Ego, um sich zu erfahren, sich abzugrenzen und genau dadurch Verschmelzung zu erleben. Die Erlebnisse, durch die wir gehen, all die Reibungen und Hindernisse benötigen ein gesundes Maß an Selbstwahrnehmung, um überhaupt stattfinden zu können.
Unsere Seele kann wahrscheinlich darauf verzichten, aber für dieses Leben braucht es eine Identität, weil wir uns sonst verloren fühlen würden. Wir wollen uns zugehörig fühlen, gesehen.

Der Wunsch nach Anerkennung, Wertschätzung und Respekt, die Sehnsucht, von anderen erkannt zu werden, ist weder schlecht noch verwerflich, sondern zutiefst menschlich. Natürlich darf es sich nicht zu Gefallsucht, Machtgebaren, Übervorteilung von anderen oder gar Narzissmus auswachsen. Aber wir sollten uns nicht weismachen lassen, dass wir uns vom Ego trennen müssen, um Erleuchtung zu erlangen.

Es wird einen Grund geben, warum wir damit ausgestattet sind. Kann es tatsächlich unser Bestreben sein, vollständig frei von allen menschlichen Regungen zu leben? Spinnen wir den Faden doch weiter: Die Anhänger der spirituellen Coachingsszene, die nicht müde werden, zu betonen, wie erwartungsfrei erhellt sie doch sind – zeigen die nicht schon wieder sehr menschlich-egoistische Züge, die Applaus einfordern?

Das Ego von unserer Seele abspalten zu wollen, ist ein barbarischer Akt, der Anteile von uns negiert und wegdrängen will. Nehmen wir uns stattdessen doch als dieses Konglomerat verschiedener Schattierungen an, als dieses Dreamteam aus einem fühlenden Herzen, einem schnatternden Ego und einer weisen Seele.

8 Kommentare zu „Unbeliebtes Ego

  1. Eine interessante Sichtweise, der ich im großen und ganzen zustimme.
    Wenn ich mich selbst oder mein Ego immer verleugne, verkümmere ich.
    Wie kann ich dann für andere sorgen? Wie wirke ich dann auf andere?
    Also ein gesunder Egoismus ist gar nicht so schecht 😉
    Viele Grüße
    Erika

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  2. Ohne Ego verhungern wir vor dem offenen Kühlschrank. Die Auswüchse sind es. Narzisstische Autokraten fordern die Aufgabe des Ego, fordern Gehorsam. Um sich zeitgleich darüber zu erhöhen.

    Nein, das Ego an sich ist nicht schlecht. Solange es nicht an erster Stelle steht.

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  3. Guten morgen Heidi,

    Und wieder einmal sprichst du mir aus der Seele. Da habe ich jahrelang daran gearbeitet, mein Ego überhaupt zu finden um ihm endlich den Raum zu geben, den es braucht und verdient um mich überhaupt komplett zu fühlen, und dann soll ivh es wieder wegschicken? In diesem Leben sicher nicht mehr. Dafür war und ist der Kampf um meine Persönlichkeitsanteile, die als unangemessen galten vieler beschwerlich. Ich bin ganz bei dir, dass es ein gesundes Maß braucht, wie alles andere im Leben auch. Es gilt, die Balance zu halten. Eine Übung, m die immer wieder herausfordernd ist. Aber wie du es beschreibst, das bringt die Lebendigkeit ins Leben, das macht uns beweglich, das hilft, in den unterschiedlichsten Situationen angemessen zu reagieren. Sich selbst zu lieben geht eben nur, wenn man sich kennt. Ich komme aus dem Erziehungswesen, da haben wir gelernt, das die verschiedenen Ebenen des Ichs miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Und Ego heißt ja nichts anderes als ich. Also ja, ohne ein Ich können wir gar nicht mit anderen Menschen in guten Kontakt treten. Wir wüssten ja gar kicht, mit wem wir in Kontakt wären und umgekehrt genauso. Ich bin froh, mein ich gefunden zu haben. Und ich bin froh, herausgefunden zu haben, was es braucht und was es nicht braucht. Und eins steht fest: ich werde es lieben und pflegen.

    Dir einen schönen Sonntag

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