Gedankensplitter

Ozeane überqueren

„Jeder Mensch hat Ozeane zu überqueren. Man muss sich nur ein Herz fassen. Ob es leichtsinnig ist? Mag sein. Aber was wissen Träumer schon von Grenzen …“
(
aus dem Film „Amelia“, 2009)

Es wirkt, als hätten die Träumer aktuell ein wenig ausgedient. Zu viel reales Leben, das uns ständig zu bedrohen scheint, zu viele Sorgen und Zukunftsängste. Träume und Sehnsüchte klingen nach fantastischen Konstrukten.

Wir schaffen uns unsere Sicherheitsinseln und funktionieren in einer Welt der Schnelllebigkeit und des permanenten Leistungsdrucks. Meinungsfreiheit wirkt deplatziert – sogar unerwünscht – in einer Gesellschaft, die sich zu mittlerweile jedem Thema spaltet und empört. In einer Gesellschaft, die sich ironischerweise tolerant nennt und dabei nicht weiter von dieser Tugend entfernt sein könnte.

Die Optimierung der Lebensverhältnisse und des Individuums stehen ganz weit oben, materielle Güter zur kurzen Glücksbefriedigung werden angesammelt. Man nimmt Anstrengung in beruflichen Hamsterrädern in Kauf, wenn sie der Deckung vermeintlicher Bedürfnisse dient. Selbstbestimmtheit, Mußestunden und Tagträume kehrt man flugs unter den Teppich – Ablenkung gibt es genug – und die Welt ist wieder in Ordnung.
Hoffentlich erkennen die Kinder, die in ein paar Jahren erwachsen sind, dass es eine Welt jenseits davon gibt, und agieren ausnahmsweise nicht als Nachahmer. So hätten sie die Chance, echtes Glück und Selbstzufriedenheit zu erfahren.

Es mag sie geben, die kleine Stimme im Hintergrund, die da von Zeit zu Zeit fragt: „Ist das wirklich alles, wonach du strebst? Fühlt sich dein Leben gut an, so wie du es immer haben wolltest?“ Aber die wird im Lärm der ungemein lauteren Angststimmen im Kopf immer leiser geregelt.
Es kann sein, dass wir sie so erfolgreich unterdrücken, dass sie für eine lange Zeit schweigt, dabei aber ihr Unwesen in den Tiefen der Seele treibt. Und eines Tages werden wir, ohne zu wissen warum, unglücklich, ruhelos und im schlimmsten Fall krank.

Menschen, die in Hospizen arbeiten, erzählen, dass die Sterbenden am meisten bereuen, was sie nicht gemacht haben, welche Träume sie nicht ausgelebt haben. Niemand bereut, was ihm glänzende Augen und ein frohes Herz beschert hat, auch wenn es nach Vorstellung anderer vielleicht ein Fehler war. Manche sind unendlich traurig, weil sie Chancen, die sie vielleicht hätten fliegen lassen, verpasst haben.

Ich hoffe, dass die Träumerin in mir stets ihren Raum findet. Einen grenzenlosen. Wenn ich Glück habe, wird das Leben mich nie so sehr in die Knie zwingen, dass ich mein ursprüngliches Wesen verleugnen muss. Neugier und hoffentlich auch Mut sollen meine Ängste an die Hand nehmen, damit ich in Bewegung bleibe, vorwärts in Richtung Freiheit. Ich will manchmal leichtsinnig sein, mich immer wieder vertrauensvoll ins Glück verirren, egal, wie oft ich aus der Balance geworfen werde.

Also auf in Richtung meines persönlichen Ozeans – der Flieger steht bereit …

4 Kommentare zu „Ozeane überqueren

  1. Optimieren: heißt das nicht das Gute besser machen, bis hin zum Bestmöglichen? Das qualifiziert das Optimieren zum eigentlichen illusorischen Traum, denn es gaukelt uns vor, alles sei gut und müsse nun noch verbessert werden. Eskapismus in einer Welt aus Not und Krieg… Die Träumer sind der Wahrheit verpflichtet: sie wissen, dass sie einen Ausweg suchen, dorthin, wo man die Welt gut nennen könnte…

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    1. Nach dem Guten, dem Besseren zu streben, finde ich gut, aber Obacht vor Perfektionismus. Ich glaube, Träume brauchen den gar nicht. Wenn wir finden, was in uns gut ist, sind wir schon ziemlich nah dran … 😉

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