Was macht uns eigentlich menschlich? Wie definieren wir Menschlichkeit?
Den meisten werden wahrscheinlich Begriffe wie Mitgefühl, Gewissen, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit, Toleranz oder Versöhnlichkeit dazu einfallen.
Mir ist das allerdings zu oberflächlich gedacht. Und ich gehe so weit zu sagen, dass wir uns um die aufgezählten Attribute eher bemühen müssen als um gewisse Regungen, die ich weiter unten ansprechen werde.
Die Gesellschaft suggeriert uns, wie wir uns zu verhalten haben, was (politisch) korrekt und akzeptiert ist und wofür man gelobt wird. Ein vor allem guter Mensch hat man zu sein, dann darf man den Begriff der Menschlichkeit für sich beanspruchen.
Werfen wir aber einmal einen Blick auf folgende Eigenschaften, die mir zutiefst menschlich erscheinen.
Wir alle haben ab und zu Angst vor Dingen, Menschen und Umständen, die uns fremd sind. Wenn es uns an Informationen und Erfahrung mangelt, schlottern uns schnell Knie. Und packt einen nicht die Angst, dann entscheidet man sich vielleicht vorerst für einen respektvollen Abstand, nimmt sich die Zeit, die es braucht, um sich damit vertraut zu machen. Ist das unmenschlich?
Persönliche Grenzen sind individuell und so etwas wie grenzenlose Toleranz existiert nicht. Und womöglich ist es in Einzelfällen sogar notwendig, sich darum zu bemühen. Müssen wir uns dafür schämen?
Jeder von uns ist manchmal schlecht gelaunt, unfreundlich und hat keine Lust, anderen ins Gesicht zu lächeln. Macht einen das zu einem schlechten Menschen?
Es gibt Zeiten, da ist das eigene Leben anstrengend und herausfordernd genug, sodass kein Platz bleibt für Hilfsbereitschaft oder Kistenschleppen. Ist man dadurch automatisch ein Faulpelz?
Nicht immer mag man spenden, teilen, geben. Es kann vorkommen, dass man gerade Pläne hat, die das nicht zulassen oder dass es sich in einem Augenblick schlicht nicht richtig anfühlt. Dürfen wir uns dann den Titel „Geizhals“ umhängen? Oder besser: umhängen lassen?
Niemand hat durchgehend Lust auf endlose Empathie – und möglicherweise will man erst eine Runde trotzen, bevor man sich die Hand zur Versöhnung reicht. Aber das macht einen keineswegs automatisch hart und kalt.
Manchmal entsteht in mir der Eindruck, dass man sich der Schuldgefühle der Leute bedient, um solche zutiefst menschlichen Regungen und Eigenschaften möglichst kleinzuhalten oder gleich komplett zu unterdrücken. In einer solchen Welt ist man schnell der Narzisst, Egoist oder Toleranzschwächling.
Ich bin für ein soziales, herzliches und großzügiges Miteinander – aber zum Menschen macht uns erst die Summe der menschlichen Empfindungen, die allesamt ihre Berechtigung haben.

Ja, so ist das, wir sind mehr als nur die „guten Projektionen“. Erdgeschichtlich bedingt tragen wir noch unglaublich viel unserer Evolutionsgeschichte mit uns herum. was die so genannte Zivilisation nur hauchzart abdeckt (wenn überhaupt).
Mich dem zu stellen und danach trachten im Kleinen angefangen ein etwas besserer Mensch zu werden, das ist Teil meiner Lebensaufgabe. Ich bin kein „guter Mensch“, kann aber besser werden.
Guten Morgen dir & Grüße, Reiner
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Gute Gedanken, lieber Reiner. Ich glaube, es geht vor allem auch viel um Authentizität, kein Verbiegen für das Image.
Liebe Grüße an dich.
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