Gedankensplitter

Verlieb dich in das Ungewisse

„Verlieb dich in das Ungewisse. Darin findest du Ruhe.“
So gelesen in einem Roman, dessen Titel ich leider nicht mehr weiß.

Für mich klang das zunächst wie ein Widerspruch. Als würden wir nicht alle gern die Zukunft ein wenig auf Schiene bringen. Denn steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Kontrollfreak?

Niemand weiß, was morgen für ihn um die Ecke kommt. Da können wir noch so viel planen, fürchten, wünschen, hoffen, beten und ablehnen. Am liebsten würden wir das Drehbuch für unser Dasein schreiben, die Regiearbeit übernehmen und ein mögliches Schicksal ausklammern – es ist schließlich unser Leben, unser Glück! Hoppla. Da war ja noch das Wohlergehen anderer Menschen … Darum soll man sich ebenfalls kümmern?

Die Angst vor dem Ungewissen hat auch damit zu tun, dass wir fixe Vorstellungen von einer erfüllten Existenz haben. Glück hielt ich lange für einen Zustand, der eintritt, wenn ich gewisse Dinge erreicht habe, wenn ich das Gefühl habe, angekommen zu sein. Egal wo. Hauptsache, den Ort hatte ich mir selbst ausgesucht. Der Plan in meinem Kopf – perfekt.
Seltsam, dass es meist ganz anders kam. Möglicherweise hatte ich das Projekt nicht zu Ende gedacht. Möglicherweise hatte ich verabsäumt, mich zu fragen, ob es tatsächlich zu mir passt, ob es das ist, was ich brauche, und nicht bloß ein Wunsch, den ich mir zurechtgezimmert hatte.

Außerdem sind da ja noch die Glückspläne der Mitmenschen. Die können der eigenen Sache schon mal im Wege stehen. Es gilt, Kollateralschäden für andere zu vermeiden; man will ja nicht mit der Ellbogentechnik durch die Welt marschieren. Ganz schön viel Aufgabe für einen kleinen, feinen und persönlichen Plan.

Wir stolpern über Parolen wie „Kämpfe für dein Glück!“ – Das klingt ja fast schon kriegerisch.
Besser gefällt mir, für eine Vision zu brennen, sie mit Leidenschaft zu füllen. Erforsche deine Talente und Sehnsüchte und dann setze deine Schritte mit Bedacht. Warte, bis das Leben dir entgegenkommt und versuche nicht jeden Stein, der sich dir in den Weg legt, auf Biegen und Brechen wegzusprengen. Ein Kampf gegen hartnäckige Windmühlen zeigt dir vielleicht einen Irrweg an. Mach auch mal einen weitläufigen Bogen um ihn, friedfertig und neugierig, was sich da wohl auf der anderen Seite verbergen möge.
Habt ihr das Bild von Lost Places vor euch? Die Natur ist uns hier ein wunderbares Vorbild. Sie rankt sich um die Gebäude. Fast scheint es, als würde sie das Hindernis umarmen.

Bestand hat oft, was einem zugespielt wird, was einem sozusagen in den Schoß fällt. Häufig zwar nicht auf den ersten Blick – dafür muss man nämlich ein gewisses Maß an Selbstreflexion und Authentizität erlangt haben –, aber riskieren wir ihn trotzdem. Nicht immer ist man sich zu Beginn selbst der beste Regisseur.

Glück ist vor allem eine Entscheidung. Das Geheimnis liegt im Augenblick. Die Vergangenheit ist eine Geschichte, die fix geschrieben steht – und es gibt keine Rückspultaste. Die Zukunft liegt im Nebel. Also ist alles, was wir haben, die Gegenwart. In der bedroht uns meist gar nichts. Und doch ist unser Kopf voll mit belastenden Gedanken, irrationalen Ängsten, Schuldgefühlen anderen gegenüber, ungesundem Perfektionismus und Leistungsdruck. Wir haben Angst vor dem Ungewissen und würden uns eine Glaskugel zur Absicherung wünschen. Oder zumindest ein Handschlagangebot vom Schicksal.

Deshalb mein Vorschlag, es mit dem „Verlieben“ in eine unbekannte Zukunft zu versuchen. Das muss kein überschwängliches Gefühl sein, sondern der Gemütszustand, der uns in einer stillen Dankbarkeit und Zufriedenheit trägt, unabhängig vom Wetter und den äußeren Umständen. Ein Gemütszustand, in welchem wir die fiesen Alltagsdinge und destruktiven Grübeleien, die jeden von uns ereilen, zwar zur Kenntnis nehmen, uns darin aber nicht nachhaltig verfangen – und schon gar nicht zulassen, dass sie unserem Glücksplan im Wege stehen. 😉

2 Kommentare zu „Verlieb dich in das Ungewisse

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