Gesundheit & Wohlbefinden

Jenseits von Affirmationen: die Kraft der Selbstheilung

Aus meinen früheren Beiträgen wird euch der ganze Zirkus um Manifestation und Affirmation bereits vertraut sein. Heute möchte ich ein weiteres Themenfeld eröffnen und vielleicht ein wenig dazu beitragen, manches kritischer zu hinterfragen. Es geht um das Aktivieren der sogenannten Selbstheilungskräfte. Ja, wir besitzen solche „Kräfte“, sonst würde ein Schnitt in den Finger nicht verheilen oder wir würden noch immer am ersten Schnupfen unseres Lebens leiden. Es grenzt manchmal tatsächlich an ein Wunder, was der Körper dahingehend alles zustande bringt und selbst Ärzte und Wissenschaft in Staunen versetzt.
Auf dem Markt und Social Media wimmelt es von Videos und Anleitungen, wie man diese geheimnisvolle Dynamik in uns aktiviert und sich damit idealerweise heilt. Leider geht das in den meisten Fällen grandios schief, was zu einer Enttäuschung der Patienten oder Klienten führt. Zur Krankheit kommen noch Selbstzweifel und Schuldgefühle, warum man versagt hat – obwohl man es eigentlich beherrschen sollte. Heilung klingt anders, oder?

Wir sind mit einem höchst komplexen und sehr sensiblen Nervenkostüm ausgestattet, das auf Reize wie Schmerz, Gefahr, Unsicherheit und Angst sofort reagiert und dies dem Gehirn meldet. Nun laborieren wir an einer Krankheit oder auch nur einem vorübergehenden Unwohlsein und fangen an – wie wir es aus diversen Ratgebern gelernt haben –, zu affirmieren. Unser Nervenkostüm meldet – richtigerweise – Schmerz und andere Symptome und nun gehen wir her und erzählen uns: „Du bist gesund.“ „Du bist stark.“ „Dein Gewebe strahlt und leuchtet.“ Eine eindeutig gegenteilige Botschaft zum Ist-Zustand, zu der unserem Gehirn vermutlich nur Folgendes einfällt: „Häh?“
Man muss sich also nicht wundern, warum das Projekt zum Scheitern verurteilt ist. Dieses verkrampfte Aufsagen auswendig gelernter Sätze ist absurd – es hat fast etwas von Kampfenergie und sorgt nur für neue Unruhe im System.

Jedoch habe ich anfangs erwähnt, dass diese „Kräfte“ real sind. Was also wäre vernünftig?
Wenn ich mit meinen Patienten arbeite, dann rate ich ihnen, den Schmerz oder irgendein anderes Symptom erst einmal anzuerkennen. Es entspannt unser Nervensystem, wenn wir vorerst nur beobachten und akzeptieren, was da ist. Man darf gerne in sich hineinhorchen, was einem jetzt helfen und guttun würde – der kranke Körper weiß oft besser, was er braucht. Vorausgesetzt, wir hören ihm zu. Dabei sollten wir vermeiden, wie aufgescheuchte Hühner im Netz zu surfen, eine Sprechstunde mit der KI abzuhalten oder den gesamten Freundeskreis nach deren Ratschlägen abzugrasen. Menschen sind individuell, deren Maßnahmen können für einen selbst die ganz falschen sein.
Unser Körper kommuniziert ständig mit uns, auf eine leise, sehr subtile Art und Weise. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir oft ziemlich genau, wo seine Grenzen liegen, was er ablehnt und was Krankheiten fördern kann. Eine nicht zu unterschätzende Ursache sind Stress und Grübeleien, wahrscheinlich mehr als bislang angenommen.
Ich rate davon ab, Krankheit, Schmerz und Alltagseinschränkungen ständig ängstlich zu beobachten und ungeduldig auf schnelle Genesung zu setzen – noch dazu durch Affirmationen und fragwürdige Heilmethoden. Das stärkt nur das Schmerzgedächtnis. Dieses Phänomen ist real und erforscht, und sich damit auseinanderzusetzen, macht Sinn. Wen das Thema interessiert, der kann sich den Beitrag dazu hier ansehen. https://seelenlandeplatz.blog/2024/08/11/der-schmerz-und-das-gedaechtnis/

Es geht vor allem darum, anzunehmen und zu akzeptieren, dass man sich in diesem Zustand unwohl und aus der Bahn geworfen fühlt. Damit signalisiert ihr eurem Nervensystem, dass ihr es ernst nehmt, ohne es mit absurden Einflüsterungen zu manipulieren, die der Situation widersprechen. Vermeidet es, euren Körper zu beschimpfen, ungeduldig an ihm zu zerren oder euch ständig damit zu beschäftigen – das verursacht bloß neuen Stress, der keiner Heilphase zuträglich ist.
Versucht, seine Signale zu deuten, herauszufinden, was er braucht, und sucht dann mit klarem Kopf nach vernünftigen Therapieansätzen. Lauft nicht jedem Tipp nach, den das Netz oder ein Ratgeber anzubieten hat, sondern notiert euch eure persönlichen Ergebnisse.
Behandelt euren Körper als intelligenten Diagnostiker und besten Freund, begegnet ihm auf Augenhöhe und vor allem bietet eurem klugen Gehirn keinen Quatsch an. Irgendetwas, das bloß einen riesigen Markt bedient, der sich am höchsten Gut des Menschen bereichert: der Gesundheit.
Der Körper wird es euch danken, und beim nächsten Mal seid ihr ein Team. Versprochen.

4 Kommentare zu „Jenseits von Affirmationen: die Kraft der Selbstheilung“

  1. Ja, ich bin da ganz bei dir, liebe Heidi. Auch fällt mir spontan eine kleine Anekdote aus meiner Kindheit ein, auch wenn diese jetzt nicht wirklich zum Thema passt, aber dein Eintrag diesbzgl. etwas in mir antriggert.
    Ich suchte das erste Mal in meinem Leben einen Zahnarzt auf. Meine Mutter meinte, sie hatte an dem Tag auch einen Termin, ich soll mir meine Zähne jetzt auch mal (ich ging noch zur Volksschule) anschauen lassen. Sie war vor mir dran und ich saß alleine im Wartesaal; hörte das mich etwas irritierende Bohrgeräusch vom Nebenzimmer, das mich doch sehr verunsicherte. Dann, als ich an der Reihe war (ich musste alleine ins Behandlungszimmer), fragte ich noch meine Mutter, ob denn die Behandlung weh tun würde, das sie vehement verneinte. ES TAT WEH! SEHR SOGAR! Der Zahnarzt bohrte an einem Zahn (ohne Betäubung) und kam an einen Nerv. Ich muss auch dazu sagen, dass dieser Zahnarzt wie ein Schlachter agierte und zudem wortlos war. Er sprach kein einziges Wort mit mir. Was mich aber mehr bestürzte war, dass mir meine Mutter was vormachte, sie mir den vielleicht entstehende Schmerz verleugnete.
    Wenn ich heute zum Beispiel ein Kind sehe, dass mit dem Roller/Dreirad stürzt, sich dabei das Knie blutig schlägt und heult … und die Mutter dann sagt: „Steh auf, DAS tut ja gar nicht weh!“, dann gruselt mich. Sie nimmt das Kind und dessen Befinden nicht ernst. Für das Kind ist dann etwas nicht im Lot, es fühlt den Schmerz … wo doch keiner (laut anderer) sein soll.
    Dein Eintrag spricht DAS auf positive Weise auch irgendwie an ~ geht für mich in die gleiche Richtung. 😉

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    1. Meine Liebe, das schlägt genau in diese Kerbe. Man sendet völlig widersprüchliche Botschaften und das vor allem, damit es einem selbst besser geht (in diesem Fall den Müttern), die sich anscheinend vor dem Weinen des Kindes fürchten. Vielleicht lernt man hier bereits, dass es falsch ist, etwas wie Schmerz und Unsicherheit zu fühlen. Deshalb sollten wir jetzt mit diesem Unsinn aufhören und das annehmen, was real da ist, ohne sich darin zu verlieren. Ich glaube, das geht dann sogar viel einfacher. Ich freue mich, dass du dich darin wiederfinden konntest oder es im besten Fall etwas „erlöst“ hat. 🤗

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