Gedankensplitter · Gesellschaft

Man freut sich auf den Herbst? Echt jetzt?

Erst kürzlich habe ich einen Beitrag über den Sommer geschrieben, als sich die erste Hitzewelle durch Mitteleuropa schob. Damals vernahm man so etwas wie ein erstes kollektives Aufstöhnen, einen Anflug von Irritation, ob man diese Zustände tatsächlich als immer wiederkehrendes Phänomen abtun kann. Mag sein, dass es auch früher kleinere oder größere Hitzeperioden gab, aber nicht in dem Ausmaß wie heuer. Und vor allem nicht, dass eine die andere ablöst, mit nur sehr kurzen Verschnaufpausen dazwischen.

Ich habe jetzt keine meteorologischen Aufzeichnungen parat, aber ich beobachte die Reaktionen der Menschen. Da ich berufsbedingt tagtäglich mit einigen von ihnen quer durch alle Gesellschaftsschichten zu tun habe, bekomme ich reichlich Feedback. Bislang war noch niemand dabei, der mir von schönen und unbeschwerten Ferienerlebnissen vorschwärmte. Die Dynamik ist eindeutig eine andere als all die Jahre zuvor. War es im Juni, wie erwähnt, noch eine herausfordernde Ausnahmesituation, haben viele jetzt Angst vor dem Wetter. Angst, dass es wieder so werden wird, Angst, wie lange es diesmal andauern wird, Angst, wie sehr sich die Wohnungen aufheizen werden, denn nicht jeder kann sich eine Klimaanlage leisten.
Egal, mit wem oder worüber man spricht, die Hitze ist Thema. Leute verfolgen die Wetterapps mehr als das tagesaktuelle Weltgeschehen, nicht einmal der Winter mit Glatteiswarnungen konnte diesen Eifer auslösen. Nachttemperaturen unter 20 Grad sind der Jackpot.
Spätestens, als in einigen Ländern die Wälder brannten, ganze Gegenden austrockneten und man im Süden Europas von 49 Grad hörte, schien es in vielen Köpfen anzukommen: Nein, das sind keine Umstände, die es schon immer gegeben hat. Vielleicht punktuell, vereinzelt, hie und da – aber nicht in diesem Ausmaß.

Social Media ist voll von Beiträgen, die sich mit diesem Ausnahmezustand auseinandersetzen. Der Post einer Frau ist bei mir hängengeblieben und hat mich eigentlich zu diesem zweiten Blogbeitrag über das Thema inspiriert. Sie erzählte, Zeit ihres Lebens ein ausgesprochener Sommerfan gewesen zu sein, aber der heurige habe sie gebrochen. Ihre Wortwahl hat mich gepackt. Denn ich glaube, sie ist damit nicht alleine. Die Lust ist vielen vergangen. Mir kommen kaum Berichte, ob virtuell oder real, zu Ohren, in denen Menschen von erinnerungswürdigen Erlebnissen berichten. Für die meisten Unternehmungen ist es einfach zu heiß. Die Frau in diesem Beitrag meinte, niemals hätte sie für möglich gehalten, dass sie einmal den Herbst herbeisehnen würde.

Inmitten der angeblich schönsten Zeit des Jahres sehnen die Menschen den Herbst herbei! Davor schienen sie eine Abneigung vor der angeblich dunklen und unwirtlichen Jahreszeit empfunden zu haben, in der man ans Haus gefesselt ist und nichts unternehmen kann. Da werfe ich die Frage in den Raum: Was ist jetzt anders? Wir verbringen den Großteil des Tages hinter abgedunkelten Scheiben und gehen nur raus, wenn es unbedingt erforderlich ist. Manche nähern sich der Sache humoristisch: Da werden Winteroutfits vor einem Spiegel probiert mit der Schlagzeile: „Wann kann ich endlich wieder meine Daunenjacke anziehen?“ Hat jemand eine Erinnerung daran, dass sich mehr als eine Handvoll Menschen über ein Ende des Sommers freut? Das soll es schon all die letzten Jahre gegeben haben?

Der Herbst ist schon immer meine erklärte Lieblingsjahreszeit, aber damit stand ich meist ziemlich einsam da. Ich habe glühende Blogbeiträge über ihn verfasst, versucht zu erklären, was ich daran mag. In Zukunft kann ich mir das wohl eher ersparen. Langsam gesellen sich Gleichgesinnte dazu.
Wie schnell eine Perspektive sich drehen kann. Es müssen sich nur die Umstände ändern und dann dürfen wir zwei Dinge erkennen: Nichts, was wir über uns und unsere angeblichen Vorlieben denken, ist in Stein gemeißelt, sondern immer an äußere Gegebenheiten geknüpft. Und ja, der Klimawandel ist real.


3 Kommentare zu „Man freut sich auf den Herbst? Echt jetzt?

  1. Ich bin den Sommer noch lange nicht satt und hoffe, der Herbst kommt erst Anfang Oktober. Aber hier im Rheinland ist es auch mit Temperaturen von 25 – 30 Grad absolut erträglich. Sommerwetter halt.🌞🌊⛱️

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  2. Den Herbst habe ich auch schon immer geliebt. Wie kann man den nicht mögen? So viele tolle leuchtende Farben oder eben nebelverhangen … hach … seufz.

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