Heute mache ich etwas, das ich schon seit geraumer Zeit nicht mehr gemacht habe, nämlich einen Live-Blogbeitrag wie in ein Tagebuch zu schreiben, ohne Vorbereitung und ohne Recherche. Da ich mich gerade im Urlaub in Deutschland, genauer gesagt im Schwarzwald, befinde, könnte ich euch natürlich einfach nur wunderbare Fotos zeigen. Stattdessen schreibe ich euch eine Ansichtskarte, voll mit Gedanken, die mir auf dem Flug hierher, mitten in den Wolkengebilden, durch den Kopf gingen.
Da war diese Vorfreude auf den Black Forest, der mittlerweile neben dem Wald von Schweden einer meiner liebsten Orte ist. Ich selbst lebe ja in einer verhältnismäßig baumlosen Gegend, was ein gewisses Versäumnisgefühl erzeugt. Andererseits kenne ich diese Kargheit schon mein Leben lang und empfinde sie trotz dieses Umstandes als ein Stück Heimat.
Über diesen Begriff habe ich während des Fluges nachgedacht.
Ist Heimatliebe an ein Land gebunden, an den Ort der Geburt oder gar an einen Staat? Letzteres schließe ich vollkommen aus, denn mit meinem heutigen politischen Verständnis hat ein Staat für mich nichts, aber auch wirklich gar nichts mit Heimat zu tun.
Vielmehr sind es Gerüche, Lichtverhältnisse, vertraute Ecken und vor allem Menschen. Erst kürzlich traf ich aus traurigem Anlass einige meiner Mitschülerinnen aus Volksschule und Gymnasium. Inmitten herzlicher Umarmungen fühlte man sich um Jahrzehnte in dieses wohlige Gefühl einer gewissen Nostalgie zurückversetzt. Das ist einzigartig und mit „neuen“ Menschen kaum zu erreichen. Auch wenn diese (neueren) mir heute viel näherstehen.
Heimat ist diese leise Wehmut, die Rührung, die man an gewissen Plätzen empfindet, der Klang eines Dialektes, den alle um einen sprechen. Obwohl ich meine ersten beiden Jahrzehnte auf dem Land verbracht habe, habe ich mich später Wien weit mehr verbunden gefühlt. Wien war mir Trost, Zuflucht, Entfaltung und Freiheit. Womöglich ist es die Heimatliebe meines Lebens.
Bin ich eine Patriotin? Nein. Patriotismus und Heimatliebe sind keine Synonyme, vielmehr ist er für mich ein naher Verwandter des Nationalismus. Beides halte ich für nicht ganz unproblematisch, und es wäre dem Verständnis der Menschheit für so vieles zuträglich, würden sie diese feinen Unterschiede erkennen. Manchmal fühle ich mich nicht einmal auf dem Planeten zuhause, so, als wäre ich nur zufällig hier gelandet. Ein Versehen, das mich Sehnsucht nach einem Paralleluniversum haben lässt. Wie sollte ich da etwas wie künstlichen Stolz auf ein paar Quadratkilometer beschränkt empfinden?
Fakt ist, würde Wien heute plötzlich in ein anderes Land gebeamt werden, wäre es immer noch Wien für mich. Irgendwelche Staatsgrenzen haben also keine Bedeutung dafür.
Als wir gestern das erste Mal durch den Wald liefen, nahm ich meinen Körper ob der Anstrengung als sehr lebendig wahr. Während zig Schmetterlinge mich streiften und ich den Geruch von Erde und Laub atmete, wurde mein Herz weit und ein Gefühl des Ankommens machte sich breit. In Schweden ergeht es mir genauso. Wann immer ich an bestimmte Situationen mit den Tieren, im Wald oder an den atemberaubenden Seen denke, empfinde ich tiefe Vertrautheit. Eine, die nicht an Österreich gebunden ist, auch wenn der Ort meiner Kindheit und die ersten Eindrücke einer Gesellschaft für immer prägend sein werden.
Und egal, wohin ich noch gehen werde: Wien, Schweden, der Schwarzwald und mein Elternhaus werden mit mir reisen. Und wer weiß, welche Orte auf dieser Welt sich noch in ein Album voller großartiger Momente und Erinnerungen einreihen dürfen und etwas wie Heimatgefühle in mir erzeugen. Vielleicht auch nur die dortigen Lichtverhältnisse, die mich innehalten und staunen lassen. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ist die Natur unser einziges Zuhause, völlig losgelöst von allen menschlich gezogenen Grenzen …
