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Gesprächskultur

Wir leben in einer Zeit, in der mehr diskutiert, gesprochen und oft auch gestritten wird, wie kaum in einer zuvor – den Kommentarspalten und öffentlichen Talkrunden sei Dank. Wenn man sich die Gesprächskultur zwischen Menschen ansieht – egal ob virtuell, am Stammtisch oder einfach nur im persönlichen Dialog –, stechen einem oft die kleinen Dinge ins Auge, die den Unterschied machen können. Vielleicht geht es dabei nicht um mehr Intelligenz, mehr Bildung oder darum, wie begabt man im logischen Denken ist, sondern um die Art, sich einer Diskussion anzunähern. Wobei ich nicht abstreiten will, dass Menschen, die sattelfest in ihren Argumenten sind und ihr geistiges Potential nutzen, deren Beiträge gut durchdacht und überlegt wirken, ein Gespräch besonders voranbringen können. Was machen sie anders?

1. Reflexion statt Reaktion
Man vermeidet Schnellschüsse in Form von emotionalen Kommentaren, unüberlegten Antworten oder generell defensivem Verhalten. Kluges Denken ist nicht schnell, es ist überlegt. Es geht nicht um Schlagfertigkeit oder Rechthaberei, sondern um echtes Verständnis der Sachverhalte. Wenn man ständig wie eine Reaktionsmaschine abfeuert, lernt das Gehirn weder zu hinterfragen noch zu analysieren. Man steckt im emotionalen Autopiloten fest. Lässt man sich Zeit zum Antworten, dient das den eigenen Denkprozessen.

2. Vermeidung permanenter Stimulation.
Die eigene Aufmerksamkeit und die Fähigkeit zur Reizverarbeitung werden nicht an ständige Stimuli durch Entertainment und Ablenkung verschwendet. Stattdessen wählt man Inhalte, Niveau und Dauer der Inputs bewusst. Es schadet der Aufmerksamkeitsspanne, wenn man sich von zu vielen belanglosen Dingen kapern lässt. Man argumentiert anders, wenn man sich Wissen aneignet.

3. Man beharrt nicht auf seinem Recht, alles zu wissen.
Wer kennt es nicht: Das Gegenüber ist anderer Meinung als man selbst und schon spürt man diesen feinen Stachel des Widerstandes in sich. Man beginnt zu erklären, sich zu rechtfertigen – aber das ist bloß das eigene Ego, das so tut, als wäre es intelligent. Reflektierte Menschen haben kein Problem damit, sich auch einmal zu irren und falsch zu liegen. Sie erkennen darin die Möglichkeit, etwas dazuzulernen. Je weniger Informationen jemand hat, desto mehr klammert er sich an persönliche Überzeugungen und fühlt sich von jeglichem Widerstand angegriffen. Dabei kann Kritik kostenloses Lernen sein – eine Perspektive, die sich lohnt.

4. Zuhören steht vor unaufhörlichem Redeschwall
Ein Gespräch von Mehrwert besteht weder aus Geplapper noch geht es darum, Stille mit einem Wortschwall banalen Inhalts zu füllen. Echtes Zuhören erfordert die Bescheidenheit, nicht alles zu wissen, und ist offen für andere Ansichten. Man zeigt Interesse daran, wie eine andere Person denkt, beschränkt sich auf einfache Fragen und hört den Antworten aktiv zu. Auf diese Weise entsteht keine Dominanz, sondern echte Gespräche.

5. Man steht zu seiner Unwissenheit.
Es ist keine Schande, nicht über alles Bescheid zu wissen. Aber so zu tun, als ob, zeugt von massiver Unsicherheit und mangelnder Argumentation. Oft ist es der Kluge, der offen zugibt: „Ich weiß es nicht.“ Das erweckt Neugier und Neugier fördert geistiges Vorankommen.

6. Man übernimmt Verantwortung.
Jemand, der seine gedankliche oder emotionale Komfortzone nicht verlassen möchte, hat im Notfall immer eine Ausrede parat: Stress mit der Familie, nervige Kollegen, die unfreundliche Kassiererin, andere – vermeintlich dumme Menschen etc.
Im Gegensatz dazu übernimmt man Verantwortung, auch wenn es unbequem ist. Sofern möglich, ist man bereit, selbst etwas an der Situation zu verbessern, und das kann den Unterschied zwischen Stagnation und Wachstum ausmachen.

7. Man denkt nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien.
Die Welt ist kompliziert und komplex, und selten sind die Antworten darauf einfach. In „gut oder böse“, „Freund oder Feind“, „richtig oder falsch“ einzuteilen, vereinfacht die Realität und verhindert echtes Verständnis. Es gilt, sich die Graubereiche anzusehen, Widersprüche anzuerkennen und mehrere Perspektiven gleichzeitig zu betrachten. Menschen, die in Schubladen denken, umgeben sich gerne mit Gleichgesinnten, weil es sie in ihrem engen Verständnis bestärkt – der persönlichen Weiterentwicklung steht dies aber im Wege. Denn dazu braucht es Herausforderung, Reibung und Widerspruch. Aber nicht, um zu streiten, sondern um die eigenen blinden Flecken aufzudecken.

8. Man lernt ständig dazu.
Das Aneignen von Wissen sollte nicht mit dem Schulabschluss vorbei sein. Die Welt ist einem ständigen Wandel unterworfen, und wer aufhört zu lernen, fällt zurück oder denen zum Opfer, die am lautesten schreien. Intelligenz ist wie ein Muskel, der verkümmert, wenn man ihn nicht trainiert.

Gestehen wir uns also auch einmal Unwissenheit zu. Halten wir inne, stellen wir Fragen und lernen wir, zu hinterfragen. Hören wir auf zu plappern und beobachten wir lieber. Lesen wir ein Buch mit anspruchsvollen Inhalten, anstatt nur zu streamen. Man wird klüger, wenn man aufhört, bloß belesen erscheinen zu wollen, und manchmal können wir durchaus zulassen, dass das Gegenüber uns mit Fakten überrascht, die wir so gar nicht auf dem Schirm hatten.

2 Kommentare zu „Gesprächskultur

  1. Unwissenheit muss eingestanden werden, denn niemand kann schließlich alles wissen. Und noch viel peinlicher ist es, Wissen vorzugeben und bei entsprechender Nachfrage lediglich als dummer Schwätzer entlarvt zu werden.

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