Gedankensplitter · Gesundheit & Wohlbefinden

Endlich wieder richtig Sommer?

In der Regel gilt der Sommer als die beliebteste Jahreszeit, zumindest für einen Großteil von uns. Sonne, Strand, Ferien oder Urlaub, Aktivitäten im Freien, Eis essen und atmosphärische Open-Air-Festivals. In den Sommern unserer Kindheit war der Himmel fast durchgehend blau, und wenn sich einmal ein Gewitter entlud, war es eine Stunde danach wieder lieblich warm. Auch ich kannte es so.
Aber so ist es schon lange nicht mehr.
Manchmal wundere ich mich über diese unbeirrbare Sentimentalität der Menschen, mit der sie an diesen Erinnerungen festhalten, bis sie ihnen real erscheinen. Als wäre alles so, wie es einmal war. Zumindest werden Jahr für Jahr die gleichen Pläne geschmiedet und so getan, als würde die unbeschwerteste Zeit des Jahres auf einen zukommen. Wahrscheinlich ist das eine menschliche Eigenschaft, an dem festzuhalten, das einem vertraut ist und sich bitte niemals ändern möge. Mit hoher Wahrscheinlichkeit spüren die meisten die deutlichen Unterschiede zur Ferienzeit ihrer Kindheit, aber der Hang zur romantisierten Verklärung verdrängt jeden unliebsamen Gedanken.

Der Sommer ist mittlerweile brutal geworden, und das ist die harte Realität. Die Sonne scheint nicht nur, sie brennt regelrecht vom Himmel und meistens herrscht eine Luftfeuchtigkeit wie in den Tropen. Wenn es heute zu einem Gewitter kommt, kühlt es für mehrere Tage merklich ab und diese Schwankungen sind eine Herausforderung für Kreislauf- oder Migränepatienten. Es gibt keine lauen Sommernächte mehr, man kann froh sein, wenn man überhaupt schlafen kann. Die Klimaanlage gehört in modernen Wohnungen mittlerweile zum Standard, und sollte jemand den nachvollziehbaren Plan haben, tagsüber ein Fenster für den Durchzug zu öffnen, kann man ihn durchaus als wagemutig bezeichnen.

Menschen scheinen nicht zu realisieren, dass diese Bedingungen alles andere als normal sind und einen enormen Einfluss auf unseren Körper, unsere physische und mentale Gesundheit haben. Maria Neira von der WHO-Abteilung für öffentliche Gesundheit und Umwelt meint dazu: „Die wahren Kosten des Klimawandels sind in unseren Krankenhäusern zu sehen und in unseren Lungen zu spüren.“
Dass Hitze – auch bei jüngeren Menschen! – den Körper und die Gehirnleistung massiv beeinträchtigt, wird gerne ignoriert. Der Körper kann sich nur bedingt anpassen. Steigt die Luftfeuchtigkeit, sinkt unsere Belastungsgrenze drastisch, weil der Schweiß nicht mehr verdunsten kann. Ich denke, ich muss nicht aufzählen, was es alles zu beachten gilt, um sich unbeschadet durch diese belastenden Wochen zu manövrieren: Ausreichend zu trinken, Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor, eine Kopfbedeckung und das Aufsuchen von Schattenplätzen sind nur das Basisprogramm.
Auch hier frage ich mich, ob es überhaupt noch jemanden gibt, der sich der direkten Sonneneinstrahlung aussetzt, um braun zu werden. Früher sprach man von einer „gesunden Bräune“, was so viel hieß wie: Diese Person ist kein Stubenhocker und hält sich viel im Freien auf.
Es steht wohl außer Frage, was heutzutage die gesündere Herangehensweise ist. Natürlich ist es ratsam, sich auch in der heißen Jahreszeit zu bewegen, aber den Sport und jede andere körperliche Tätigkeit sollte man ausschließlich auf die frühen Morgenstunden verlegen. Der Rest des Tages darf im Optimalfall bis in die Abendstunden der Ruhe und dem Rückzug gelten. Es ist schlimm genug, dass die meisten von uns in dieser Zeit wie gewohnt ihren beruflichen Aktivitäten nachgehen müssen, ohne Hitzeferien oder sonstiges angeboten zu bekommen. Dann sollte man dem Körper wenigstens in der Freizeit nicht noch weitere Belastungen abringen. Die heutige Luftverschmutzung, die Hitze, die hohe Luftfeuchtigkeit und die intensive Sonneneinstrahlung wirken zusammen und führen zu steigenden Ozonwerten. Die Folgen können gravierend sein und durchaus ernst genommen werden. Übrigens kann man zur Feinstaubreduktion beitragen, indem man auf das Grillen verzichtet. Nur so als kleiner Denkanstoß.

Die Leute wollen sich den Spaß nicht verderben lassen, der Sommer war doch immer so schön! Jedes Jahr wird sich aufs Neue darauf gefreut und spätestens nach zwei Wochen laut darüber gestöhnt. Wir sind einer überaus belastenden Situation ausgesetzt, und wenn wir die Nostalgie noch so sehr mit Klauen und Zähnen verteidigen: Der Sommer ist mittlerweile mit sehr wenigen Ausnahmetagen weder lieblich noch besonders gesund für uns.
Es gilt, einen neuen Umgang mit ihm zu finden, auch wenn es bedeutet, Dinge aus früheren Zeiten oder Trends von heute loszulassen. Man muss weder zum Stand-up-Paddeln am frühen Nachmittag noch zur Poolparty. Langsame Spaziergänge frühmorgens oder am späteren Abend dienen der Bewegung ebenso; es ist nicht die Zeit für Ausdauersport. Blasse Haut ist kein Zeichen für Faulheit oder Introvertiertheit, sondern für Vernunft, und der Aufenthalt im Freien ohne Sonnenschutz kein Zeichen von besonderer Robustheit.
Viel eher dürfen wir diese Wochen als kleines Camp sehen, in dem wir lernen, mit steigender Belastung und extremer werdenden Wetterbedingungen umzugehen, die zweifelsohne kommen werden. Denn dann werden ausbleibende Strandpartys und Grillorgien unsere kleinsten Sorgen sein. Ich halte es für eine Form von anmutiger Gelassenheit, sich der Gegenwart zu stellen und nicht an der Vergangenheit zu kleben, auch wenn sie vorerst unwirtlich und unspaßig erscheint. Wenn man auf diese Weise offen bleibt, findet man eher einen Umgang und möglicherweise tun sich völlig neue Ideen und Anregungen auf, die heißen Monate gut zu verbringen. Die Schranken im Kopf setzen wir uns durch unnötiges Festhalten nur selbst und behindern uns so im progressiven Denken.
Ich liebe es, wenn die Sonne scheint, ich mag das Licht, die Atmosphäre, aber ich verkläre keinen Sommer, der so nicht mehr existiert. Es macht keinen Sinn, all seine Sehnsüchte und Aktivitäten auf das Wochenende, den Urlaub, die Rente oder eben den Sommer zu projizieren und zu verschieben. All das kann ebenso verlockend in den gemäßigteren Jahreszeiten sein – schaut euch nur den Herbst der letzten Jahre an …

3 Kommentare zu „Endlich wieder richtig Sommer?

  1. Perfekt beschrieben und auf den Punkt gebracht. Bislang haben wir in unseren Breitengraden zwar noch keine solch extreme Hitze über längere Zeiträume, aber auch das wird sich sicher noch ändern. Und bis dahin genieße ich mit genügend Wasser und Sonnencreme ausgestattet die paar Sommertage, die es hat.
    Vorzugsweise im Schatten. 🙂

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