Gesellschaft

Schönheitsideal

Als ich den „Seelenlandeplatz“ 2017 eröffnete, gab es viele sogenannte Beautybloggerinnen. Die Kosmetikkonzerne hatten eine weitere Nische gefunden, ihre Produkte zu bewerben und zu vermarkten, und bedienten sich nun der zumeist weiblichen Influencer. Die haben das Spiel gerne mitgespielt, denn es versprach Erfolg und Reichweite.
Auch ich dachte damals, eine solche Rubrik gehöre auf jeden Blog, aber weit bin ich damit nicht gekommen. Erstens lag mir derlei Werbetexterei überhaupt nicht und zweitens war bald klar, dass mein Blog ein eher „philosophischer“ werden würde. Heute sage ich: Gott sei Dank.

Wer bestimmt eigentlich das gängige Schönheitsideal? Dass sich dies im Wandel der Zeiten doch immer wieder geändert hat, ist unbestritten.
Galt blass zu sein früher als Zeichen von Wohlstand, weil man keiner Feldarbeit ausgesetzt war, war es in den 1990er Jahren verpönt und Solarien fanden sich selbst im kleinsten Dorf. Zeugte einst ein fülliger Körper von fruchtbarer Weiblichkeit, waren es später superschlanke Models, die Frauen in die Hungerkuren trieben. Ein Phänomen kann man dabei beobachten: Es ging und geht den Menschen fast immer darum, Reichtum und luxuriösen Lifestyle über die Optik nach außen zu tragen, denn dahin hat die Werbung den Fokus gelenkt. Es sind die Ideale, die es zu erreichen gilt und die deshalb anzustreben sind. Der Mensch führt sein liebstes Credo – „Auf die inneren Werte kommt es an“ – eigenmächtig ad absurdum.

Das eine Schönheitsideal gibt es nicht, weder jetzt noch in Zukunft, weil damit auf Dauer nichts zu verdienen ist. Viel eher kommt es zu schnelllebigen Trends, mit denen wieder einmal Geld auf die Konten der Kosmetikkonzerne eingeht, sprich: Der Profit steht in jedem Fall im Vordergrund. Social Media war die beste Erfindung, um ein möglichst breites Publikum abzugreifen und für alles Mögliche zu ködern. Und die Angebote werden immer irrsinniger. Die Menschen kaufen sie trotzdem: Für Schönheit, ewige Jugend und die Illusion, sich wie eine Million Dollar zu fühlen und auch so auszusehen, tut man fast alles. Ob gesund, effektiv oder völlig wirkungslos, spielt dabei keine Rolle.
Der Personenkult treibt seine Blüten, denn wenn eine Kim Kardashian meint, etwas sei hip und ein Must-have, dann entsteht ein globales Gerenne darum.

Wann haben wir angefangen, uns diesem Wahnsinn so kritiklos hinzugeben? Schönheitsoperationen sind längst kein Aufreger mehr. Wer sich das nicht leisten kann, greift zu sämtlichen Kosmetikprodukten, die glatte Haut versprechen, aber in den meisten Fällen unnütz sind – und uns nicht schöner, dafür aber andere reicher machen.
Warum erheben wir äußerliche Schönheit zum Götzenbild und warum lassen wir uns völlig bewusst an der Nase herumführen? Um einem Ideal zu entsprechen, scheint es egal zu sein, dass die Wissenschaft viele der Wirkungsversprechen als Fake enttarnt. Solange Kim es trägt, muss es gut sein. Da will man hin, da will man mitspielen. Der Branche selbst spült es Unsummen an Geld in die Kasse, während wir selig das kleine Tiegelchen in Händen halten.

Ich will jetzt keine platten Sprüche wie „Jeder Körper ist schön“ oder Ähnliches ablassen. Ich kenne das Gefühl genau, sich über die Optik zu definieren, aber Gott sei Dank konnte ich mich dahingehend entspannen, hole mich immer wieder zurück, wenn etwas mich zum Kauf verführen will.
Ich mag Kosmetik auch, ich liebe es, mich zu pflegen, aber mittlerweile rauschen die meisten „Neuheiten“ an mir vorüber. Wenn man das Prinzip einmal durchschaut hat, hilft das der eigenen Immunität gewaltig. Mein Badschrank hat sich mindestens halbiert, was Tiegel und Tuben betrifft, und – welch eine Überraschung – ich merke keinen Unterschied. Sport, Ernährung und gesunder Schlaf sind effektiv und gratis.
Und noch etwas kann der persönlichen Ausstrahlung dienlicher sein als luxuriöse Optik: Charakter. Emanzipation von Trends und bewusster Lenkung durch Werbung. Bildung. Weitblick.

Ein Kommentar zu „Schönheitsideal

  1. Liebe Heidi,
    Deinem Kommentar kann ich nur aus vollem Herzen zustimmen.
    Auch ich stehe dem ganzen Trubel skeptisch gegenüber. Schon vor 2 Jahren habe ich mich aus Instagram zurückgezogen und vermisse nichts. Im Gegenteil, es bleibt mehr Zeit sich zu entspannen – was wiederum der Schönheit gut tut 😉
    Einen schönen Sonntag und liebe Grüße
    Erika

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