Gedankensplitter

Ersatzreligion Esoterik

Wenn man von den „großen Religionen“ spricht, meint man in der Regel das Christentum, den Islam, das Judentum und den Buddhismus.

Ähnlich wie in der Politik machte sich in den letzten Jahren bei den Menschen eine gewisse Unlust breit, ihrer persönlichen Glaubensgemeinschaft weiterhin treu zu folgen. Man sei zu aufgeklärt, zu rational und überhaupt viel zu progressiv, um an diesen veralteten Dogmen noch länger festzuhalten. In anderen Worten: Man brauche die Kirche nicht (mehr), um an etwas Höheres zu glauben. Ab jetzt sei man nicht mehr religiös, sondern spirituell.

Was aber bedeutet es, spirituell zu sein? Das unterliegt dem Wandel der Zeit. Noch vor zehn Jahren suchte man kleine Läden auf, die sich auf Kartensets, Kristalle, Räucherwerk und Literatur über Schamanismus, Engel, Karma und Astrologie spezialisiert hatten. Dort fühlte man sich als Teil eines erlesenen Kreises – als sei man einer von wenigen Erleuchteten, die weit über den Tellerrand des irdischen Daseins blicken könnten.

Dank Social Media explodierte der Markt rasant und plötzlich schienen auserwählte Erleuchtete aus dem Boden zu schießen. Kartenlegungen, Trancereisen auf YouTube und die Aktivierung des dritten Auges oder der sieben Chakren wurden plötzlich zu Themen, über die man an der Supermarktkasse sprechen konnte. Menschen, die in Krisen stecken, suchten anstatt des Priesters nun Energie- und Heilpraxen oder den Instagramkanal ihres Vertrauens auf. Vor allem waren und sind sie bereit, hohe Summen für das Seelenwohl auszugeben – und die Esoterikbranche weiß dies zu nutzen. Ein neuer Wirtschaftszweig unter dem Deckmantel der Spiritualität war geboren und die Spreu vom Weizen nicht mehr so einfach zu trennen.

Es geht mir hier nicht darum, etwas generell schlecht zu machen, worin Menschen einen Anker finden – jedoch würde ich zu einer gewissen Vorsicht raten. Auch ich habe meine Erfahrungen damit gemacht.
Als ich selbst einmal den Halt verlor, wirkte all das erschreckend anziehend auf mich. Ich besuchte Medien und ließ mir meine Sterne deuten. Und nicht selten ging es mir überhaupt nicht gut dabei. Manches machte mir Angst und ich hörte Dinge, die ich heute als bizarr einstufen würde. Von der Esoterik zu Verschwörungstheorien oder Aberglauben ist es ein schmaler Grat.

Es gelang mir schließlich, mich aus den Fallstricken einer nicht ungefährlichen Thematik zu lösen, weil meine Intuition mir irgendwann Einhalt gebot. Oder war es doch meine Ratio? 😉 Ich lernte, mit einer gesunden Portion Verstand an die Sache heranzugehen.
Ja, man darf sich am Kartenlegen erfreuen – ihre Bildsprache oder deren Texte können unser Unterbewusstsein bedienen und die dadurch entstehenden Gedanken und Gefühle etwas durchaus Inspirierendes haben. Versteht man sie aber als festgesetztes Orakel, nach dem es zu handeln gilt, wird es bedenklich. Wenn man die eigene physische oder mentale Gesundheit in die Hände von Menschen legt, die zwar über eine hohe Überzeugungskraft verfügen, jedoch nicht über eine fundierte Ausbildung, wird es sogar gefährlich.

Ich persönlich glaube oder fühle mich wohl mit dem Gedanken, dass es mehr gibt, als wir mit unseren menschlichen Sinnen wahrnehmen können. Und ich vermute, ganz viel davon liegt in uns selbst. Ich glaube an eine Seele und dass sie mit anderen Seelen zu tiefen Verbindungen fähig ist, und ich glaube an die Kraft der Liebe sowie der guten Gedanken. Aber wenn selbsternannte Heiler von irgendeinem Wissen sprechen und andere damit indoktrinieren wollen – im schlimmsten Fall für dekadent viel Geld – sträubt sich in mir etwas. Wenn diese Personen dann noch grundlegend wissenschaftsfeindlich gesinnt sind und Leute in Angst und Schrecken vor all den „Bedrohungen“ in der Welt versetzen, sollte man eine gesunde Grenze ziehen.

Spiritualität hat für mich vor allem mit Beobachtung zu tun. Wahrzunehmen, was rund um einen passiert, zu erfassen, was einen aus unbekannten Gründen tief berührt. Es bedeutet für mich, Respekt vor der Natur und unseren Mitgeschöpfen zu haben, im Augenblick präsent zu sein und der eigenen Intuition zu vertrauen. Ich meine, dafür brauchen wir keine Führungspersönlichkeiten – aus welcher Ecke auch immer.

Warum erwähnte ich anfangs die Weltreligionen? Weil ich mitverfolgen kann, dass die Esoterikszene einen beachtlichen Zuwachs erfährt und, wenn sie sich weiter so entwickelt, bald ganz oben mitmischen könnte. Die Menschen tauschen bloß eine Glaubensgemeinschaft gegen eine andere aus, obwohl sie davon sprechen, ab jetzt nicht mehr „religiös“ sein zu wollen …

8 Kommentare zu „Ersatzreligion Esoterik

  1. Hallo Heike,
    auch ich stehe der Esoterikszene skeptisch gegenüber. Denn ich habe schon in meiner Umgebung erleben müssen, dass sogenannte Heiler schwerkranke Menschen in ihren Bann gezogen haben – ohne Erfolg. Vieles kommt mir irrational vor und der Fokus auf das eigene Selbst wirkt oft befremdlich für mich.
    Aber das ist ein weites Thema!
    Ich finde Deine Einlassung dazu sehr mutig.
    Viele Grüße
    Erika Magdalena

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    1. Danke, liebe Erika Magdalena, das ist in der Tat ein weites Feld. Da ich selbst als Therapeutin mit Patienten arbeite, sehe ich oft, wie sie sich in ihrer Not verständlicherweise von sämtlichen Heilversprechen angezogen fühlen. Da muss man wirklich achtsam sein.
      Alles Liebe! Heidi (nicht Heike 😉)

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  2. Über die Selbsthilfe mit ihren 12 Schritten ging ich den Quellen der AA-Literatur nach und kam so auf die Spur der „Quäker“, mit ihren drei großen Hauptströmungen. Mich fasziniert der liberale Flügel, der sich aus allen großen spirituellen Weisheiten bedient und im Kern dem Christentum anhängt. Sie respektieren die Bibel ebenso wie andere heilige Bücher. So gab und gibt es Quäker, die gleichzeitig Geistliche der evangelischen „Amtskirche“ waren/sind.

    Esoterik? Überall dort, wo Dogmen und Geld bestimmen, wende ich mich ab.

    Liebe Grüße, Reiner

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  3. Immer wieder Sonntags. Ich merke gerade, dass ich schon auf deinen Beitrag warte und der heute ist wieder ein gelungenes Beispiel dafür, wie vielschichtig du die Welt betrachtest. Und den Vergleich zu den Religionen finde ich absolut schlüssig. Auch wer an nichts glaubt, braucht irgendwann etwas, woran er sich orientieren und festhalten kann. Anders als früher, gibt Religion das nicht mehr ausschließlich her. Denn wie du schon beschrieben hast, halten sich die Menschen dafür zu aufgeklärt, zu rational. Und Kirche hat viel zu dieser Entwicklung beigetragen. Mein Mann hat es mal so formuliert: er glaubt an Gott, aber in das Bodenpersonal hat er kein Vertrauen mehr. Mit meinem eigenen Glauben ist es ähnlich. Ich glaube an etwas, das Größer ist. Aber was das ist, kann ich nicht benennen. Die Gefahr, sich in der Esoterik zu verlieren, konnte ich ebenfalls beobachten und war mir deshalb immer Suspekt. Mir gefällt, wie du deinen Beitrag endest und es erinnert mich an den Budhismus. Aber vielleicht braucht es keine festgelegte Religion und vielleicht ist Spiritualität, so wie du sie beschreibst, der Schlüssel. Liebe Grüße Claudia

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    1. Herzlichen Dank, liebe Claudia. Es gibt wahrscheinlich nichts Schöneres für jemanden, der schreibt, als dass seine Texte gar erwartet werden! 🤗 Es ist gut, wenn die Menschen sich darüber Gedanken machen, wem sie ihre Sorgen und vor allem auch ihr Geld hintragen. Hab einen schönen Sonntag, Heidi

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