Gedankensplitter

Mama

Einen Menschen auf der letzten Etappe seines Lebens zu begleiten, ist wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen, denen man sich stellen kann.
Anders als bei einem Neugeborenen verschlechtert sich der Zustand tendenziell.
Man selbst ist meistens gerade in einem Lebensabschnitt, wo sich das alles „nebenbei“ abspielt – da gibt es einen Job, einen eigenen Haushalt und die Dinge, denen man sich in der Freitzeit hingeben möchte.

Der Zustand ist ein schwebender, man hat keinerlei Anhaltspunkt, wie lange, wie weit man diesen Weg gemeinsam gehen wird. Man will helfen, da sein, gleichzeitig will man das eigene Leben leben.
Oft überwiegt die Belastung die Bereicherung, und innerhalb dieser Belastung finden sich unglaublich viele bereichernde Momente.
Man hat die Rollen getauscht, wird vom Kind zur Beschützerin.
Emotionaler Abstand ist manchmal unerlässlich, um in besonders herausfordernden Momenten nicht einzuknicken. Mitleid darf man sich so gut wie nicht erlauben, sonst schafft man das nicht.
Aber dann überfluten einen Wogen der Zuneigung, das Herz quillt über, man verlässt das Krankenbett des geliebten Menschen mit einem ganz eigenen Reichtum in der Seele.

Mama, auch wenn ich manchmal ungeduldig war, mich meiner Zeit beraubt fühlte, wenn meine Hochsensibilität, die du mir doch vererbt hast, Wellen schlug – es war mir eine Ehre, dich zu begleiten, wie du mich bei meinem Start in dieses Leben begleitet hast.
Ich weiß jetzt schon, dass ich bereuen werde, dich nicht noch viel mehr gefragt zu haben, nicht viel mehr mit dir geschwiegen oder deine Hand gehalten zu haben.
Obwohl: Niemals zuvor habe ich deine am Ende zerbrechliche Hand so oft in meiner gehalten wie in den letzten Wochen. An kein Lächeln kann ich mich erinnern, das echter war als das, was wir uns schenkten. Nur noch gekrönt von den vielen Luftbussis, um dir nicht zu nahe zu kommen, dich in der Grippezeit nicht zu gefährden.

Weihnachten hattest du für mich magisch gemacht. Als du am Christtag, genau an deinem Geburtstag, die Augen für immer geschlossen hast, wusste ich instinktiv, dass es die Feiertage in dieser Form für mich nicht mehr geben wird. Weihnachten – das waren wir beide und unser Wunsch nach der Ergriffenheit, der Stille und der Besinnlichkeit.
Nun muss ich meine eigenen Weihnachten für mich finden. Dazu habe ich jetzt ein ganzes Jahr Zeit.
Ich werde sie finden, und ich weiß, dass sie dir gefallen werden.

Leb wohl, geliebte Mama – möge deine Seelenreise behütet sein.

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