Gesundheit

Eigenverantwortung

Menschen mit chronischen Schmerzen erleben nicht selten echte Leidensgeschichten. Vor allem dann, wenn sie über Wochen auf einen Termin beim Arzt warten und die Verantwortung komplett ablegen. Solange man der Überzeugung ist, den Heilerfolg ausschließlich im Krankenhaus oder der Arztpraxis finden zu können, ist man der Situation ausgeliefert und muss auf den Erfolg anderer hoffen.

Das Gesundheitssystem, wie wir es in den meisten westlichen Ländern kennen, staatliche Krankenkassen und Behandlungen „auf Karte“ haben dazu geführt, dass Patienten häufig mit dem kleinsten Symptom ankommen und den Blick oder die Idee von außen einfordern.

Natürlich wird niemand im Alleingang einen kompliziert liegenden Hirntumor oder eine seltene Blutkrankheit diagnostizieren oder sich eigenhändig den eitrigen Blinddarm operieren. Das versteht sich von selbst. Vielmehr spreche ich von Beschwerden, bei denen man vielleicht erst einmal schauen könnte, was man ohne fremde Hilfe dafür oder dagegen tun kann – beispielsweise Rückenleiden, Erkältungen, Übelkeit oder schmerzende Stellen am Bewegungsapparat.

Den wenigsten von uns wird entgangen sein, dass ein Fachkräftemangel herrscht, dass es in dem System, wie wir es kannten, an allen Ecken und Enden kracht. Lange Wartezeiten sind hier vorprogrammiert, was natürlich zum Unmut vieler oder eben zum Leidensdruck führt.

Allerdings habe ich auch Menschen erlebt, die, während sie auf ihren Termin bei mir gewartet haben, bereits selbst aktiv geworden sind. Manche hatten sich Artikel über bewährte Hausmittel gesucht oder andere Physiotherapeuten auf YouTube aufgetan, von denen sie erste Übungen lernen konnten. Bestimmt wird das Internet keine echte Therapie ersetzen, aber es kann ein guter Anfang zur Überbrückung sein. Ich hatte Patienten, die nahezu schmerzfrei bei mir ankamen. Da habe ich es mir nicht nehmen lassen, ihnen zu so viel Eigeninitiative zu gratulieren.

Es wird, wenn es so weitergeht, kein Weg daran vorbeiführen, dass wir manches zunächst selbst anpacken müssen. Und fühlt es sich nicht auch besser an, die Zügel in die Hand zu nehmen, als sich auf Gedeih und Verderb einem scheinbar nicht zu ändernden Zustand auszuliefern? Einen Plan zu haben, ist immer besser, als leidend auszuharren. 

Im besten Fall entwickeln wir wieder ein Gespür für unsere Körper und hören auf das, was sie uns über Symptome mitteilen wollen. Vielleicht weckt es auch Neugierde und Forschergeist, wenn man sich fragt, was Oma in Ermangelung ärztlichen Beistands wohl im ersten Moment unternommen hätte.

Ich hoffe, dass wir wieder lernen, zwischen einem Notfall oder bedenklichen Beschwerden und harmlosem Geschehen zu unterscheiden.
Aus vielen Jahren Berufserfahrung kann ich sagen, dass Menschen oft untrüglich fühlen, was ihrem Körper guttut, auch wenn das medizinische Personal ganz anderer Meinung ist. Und es kommt durchaus vor, dass sie dabei Recht behalten.

Geht zur Untersuchung, wenn es sich um ernstzunehmende oder hochakute Beschwerden handelt – aber scheut euch nicht, bei manchem erst einmal euren inneren Arzt oder Apotheker zu Rate zu ziehen …

4 Kommentare zu „Eigenverantwortung

  1. Ein fundierter Artikel, dem ich nur zustimmen kann!
    Chronische Schmerzen habe ich zum Glück nicht. Aber die eine oder andere Unpässlichkeit stellt sich schon ab und zu ein. Dabei stosse ich oft auf Unverständnis im Freundeskreis, wenn ich erstmal abwarte und es mit sogenannten „Hausmitteln“ versuche. Der allgemeine Tenor ist, zum Arzt gehen, Medikamente erhalten und es soll bitte ganz schnell wirken!
    Ich bin auf dem Land aufgewachsen und habe von meiner Großmutter gelernt, auf den Körper und seine Selbstheilungskräfte zu hören und bin damit – bis jetzt – ganz gut gefahren!

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