Schmerzen und Angst haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Zumeist kennt man ihre Ursache. Ob es die heiße Herdplatte war, die Überforderung einer Struktur oder der Respekt vor Abgründen und Steilhängen – durch ihre unangenehme Präsenz helfen sie uns, vorsichtiger durchs Leben zu gehen und Gefahrensituationen besser einschätzen zu können. Fatal wird es nur, wenn sie beginnen, sich zu verselbstständigen und ein Eigenleben zu führen.
Lasst uns beim Schmerz bleiben, Angst soll heute nicht das Thema sein.
Als Physiotherapeutin habe ich täglich mit Menschen zu tun, die ein chronischer Schmerz plagt. Einer, der sie seit Wochen oder gar Monaten quält. Ansonsten wären sie nämlich nicht bei mir oder überhaupt auf der Suche nach irgendeiner Art von Heilverfahren. Ein kurzes Unwohlsein löst noch keine Bedenken aus.
Ich kann mich erinnern, dass irgendwann der Begriff des Schmerzgedächtnisses auftauchte; das klang vorerst exotisch. Mittlerweile hat sich das etabliert und man ist bei jeder Form der Therapie darauf bedacht, es gar nicht erst entstehen zu lassen. Denn es wieder loszuwerden, erfordert einiges an Geduld und Vertrauen – vor allem in sich selbst und seine eigenen Selbstheilungskräfte. Wie aber entsteht diese Art des Gedächtnisses?
Es kommt vor, dass wir uns verletzen, dass eine Weichteilstruktur einen feinen Riss erleidet und leicht einblutet. Auch altersbedingt oder durch ein Zuviel oder Zuwenig an Bewegung kann es passieren, dass Gewebe sich verändert. All diese Ursachen können einen Nerv reizen und ihn veranlassen, ein Schmerzsignal an das Gehirn zu senden. So weit, so vernünftig. Dieser Alarm ermöglicht es uns, darauf zu reagieren – entweder, indem wir ein paar Tage etwas kürzertreten oder indem wir einen Arzt aufsuchen, wenn die Symptome stark ausgeprägt sind oder der Verdacht auf eine ernsthafte Verletzung vorliegt.
Manchmal aber tut es einfach nur weh, ganz ohne dramatische organische Ursachen.
Hier droht ein Teufelskreis zu entstehen, denn viele Schmerzpatienten beginnen umgehend, dem Geschehen zu viel Raum zu geben. Sie sprechen mit jedem darüber, den es interessiert, und mit jedem, den es nicht interessiert. Sie konsultieren alle möglichen Anlaufstellen der Medizin. Sie googeln, lesen Artikel um Artikel, erstellen Selbstdiagnosen und starten Hals über Kopf in die Odyssee der Schmerzbekämpfung. Dabei ist ihnen quasi jedes Mittel Recht. Hauptsache, es verspricht Linderung.
Was dabei komplett im Hintergrund verschwindet, ist die Notwendigkeit, sich weiter zu BEWEGEN.
Man verfällt in Ausweich- und Schonhaltungen, meidet jegliche Anstrengung und lagert den schmerzenden Körperteil aus, als würde er nicht mehr dazugehören. Das Gehirn und die Nervenreizleitungen tun derweil ihren Job und legen aufgrund all dieses Trubels klammheimlich eine Erinnerungsspur für den Schmerz. Die Konsequenz?
Im schlimmsten Fall fühlt man die grellen Schmerzen auch dann noch, wenn die organische Ursache längst nicht mehr von Bedeutung ist. Strukturen heilen im Regelfall innerhalb von 6 bis 12 Wochen aus. Der Schmerz, der bleibt, hat es sich jedoch längst in uns gemütlich gemacht. Und wer kann es ihm verdenken? Immerhin wird er dort gepflegt und beachtet – rund um die Uhr.
Wie aber kann man dagegen angehen?
Wichtig ist, dass man Schmerzen, so sie länger als eine Woche andauern, von einem Arzt abklären lässt, beispielsweise mittels bildgebenden Verfahrens.
Wenn keine ernsthafte Verletzung oder Diagnose vorliegt, die eine vorübergehende Entlastung erfordert, sollte man möglichst bald dazu übergehen, die Muskeln, Sehnen, Faszien und Gelenke zu bewegen und moderat zu belasten, um für eine ordentliche Durchblutung zu sorgen. Bei andauernder Nichtbewegung verfilzen die fasrigen Anteile unserer Weichteile, was sie spröde macht. Dabei bauen sich Knorpel ab und Gelenke werden leichter arthrotisch. Um dem vorzubeugen, ist eine möglichst schnelle Mobilisierung vonnöten.
Nebenbei beschäftigt man sich mental mit dem richtigen Fokus, mit einer Perspektive, einem Plan. Man ergibt sich nicht in den Schmerz, liefert sich ihm nicht weiter aus.
Sollte man dennoch in die Negativspirale des Schmerzgedächtnisses geraten, so kann man versuchen, durch Mediationen, Entspannungstechniken und in manchen Fällen sogar durch Psychotherapie dagegen anzugehen. Denn wichtig ist zu verstehen, dass es ab einer gewissen Zeit kein rein physisches Problem mehr ist.
Für heute werde ich es dabei belassen. Allerdings will ich dem Thema auch noch einen zweiten Teil widmen, da ich es für wirklich wichtig halte und es viele Menschen betrifft. Salopp wird gesagt: „Ich habe Rücken.“ Dass dahinter oft echte Leidensgeschichten stecken, überhört man nur zu gern.
Deswegen werde ich nächstes Mal darauf eingehen, wie man eigenverantwortlich eine Menge tun kann, um sich selbst zu helfen und zu unterstützen.
Bis dahin kann ich euch nur mitgeben: Vertraut eurem Körper und vergesst vor allem eines nicht: Der Geist beherrscht ihn und nicht umgekehrt! Durch das richtige Mindset habt ihr ein mächtiges Hilfsmittel in der Hand. Setzt es weise ein.
