Gedankensplitter

Schuldig?

Es ist ein Trugschluss anzunehmen, dass nur Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, von diesen zersetzenden Gefühlen geplagt würden.

Schuldgefühle können uns alle im Griff haben. Oft tauchen sie unter dem Tarnmantel ganz anderer Ausdrucksformen wie Perfektionismus, übersteigertem Verantwortungsbewusstsein, Helfersyndrom oder in Form eines über die Maßen strengen, inneren Über-Ichs auf.
Der springende Punkt ist, dass es für Schuldgefühle ausnahmslos immer einen Richter braucht, sei es einen externen oder eben den, den wir in uns selbst zur moralischen Instanz erhoben haben.

Schuld ist keine Emotion, die der Gefühlsebene entspringt. Ihr Nährboden liegt auf der kognitiven Ebene. Wir DENKEN, an etwas Schuld zu tragen. Man braucht nicht groß weiterzugehen, um den Schluss zuzulassen, dass das Schuldempfinden seine Wurzeln in der Kindheit hat und mit einem leicht oder auch schwer versehrten Wertgefühl einhergeht.

Eine Situation, die nicht be- oder gar verurteilt wird, ist einfach nur eine Situation, um die sich niemand Gedanken macht. Eine emotionale Konsequenz hat sie erst, wenn ein Urteil darüber gefällt wird.
Ob es schlimmer ist, wenn dies von einem anderen Menschen oder aus einem selbst kommt, wage ich nicht zu entscheiden.

Das belastende Element ist meistens gar nicht das „Vergehen“ an sich, sondern dass man für selbiges nicht länger gemocht, akzeptiert oder geliebt wird. Das ist, was sich auf der Gefühlsebene einbrennt. Diesen Zustand wollen wir möglichst schnell wieder auflösen, also stecken wir zurück, stellen unsere Mitmenschen an erste Stelle, erhöhen unsere Anstrengungen oder funktionieren so, wie andere das von uns erwarten. Alles, um weiterhin Everybody’s Darling zu bleiben. Die Schuldgefühle bieten uns die Möglichkeit, vermeintliches Fehlverhalten durch diese Form der Selbstgeißelung abzutragen und auszugleichen.
Es liegt auf der Hand, dass das auf Dauer kein gesunder Zustand für das eigene mentale Wohlbefinden sowie die persönliche Authentizität ist.

Eine Beschreibung, die mich in diesem Zusammenhang sehr ansprach, ist, dass durch die Last der zumeist irrationalen Schuldgefühle unser Wesen „domestiziert“ wird – also das Wilde in uns, das sich entfalten, sich ausdrücken und kreativ agieren will. Manchmal nur zum eigenen Wohl.

9 Kommentare zu „Schuldig?

  1. Nur denke ich, dass ist eine riesen Schwäche. Wer sich selbst liebt und akzeptiert braucht keine Abhängigkeit, noch ein Leben geleitet in Abhängigkeit von Meinungen anderer. Das ist ein Wunsch nach Leitung, Führung und keiner nach Freiheit und Unabhängigkeit.

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  2. Danke für diesen Beitrag, ja es ist verstörend wie die Menschen und die Gesellschaft über Everybody’s Darling denkt und handelt. Es wäre so einfach sich selbst zu sein, sich unabhängig von Meinungen zu verhalten und doch, die Menschen sind abhängig. Wie eine Sucht nach der Abhängigkeit anderer Menschen. Schlimm, da doch meist sehr wenig von diesen vermeintlichen ausgeht.

    Ranjan

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  3. Sich grundsätzlich ersteinmal als (menschlich)?schwach, unvollkommen, verführbar, sündhaft verstehen und somit schuldig -> ein fehlerhaftes beladenes Wesen ist der Mensch .. und läuft vor seinen eigenen, selbst produzierten oder „eingepflanzten“ Schattenriesen davon

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  4. Guten Morgen dir,

    Schuld setzt ein Wertesystem voraus, einerseits. Andererseits braucht es, glaube ich, Bewusstsein, sich wirklich schuldig zu machen. Oft genug ist Schuld nur ein Konstrukt, um Macht auszuüben.

    Lieben Gruß, Reiner

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    1. Von allem etwas, würde ich sagen! Das mit dem Wertesystem ist in der Tat ein nicht zu unterschätzender Faktor. Wer auch immer dies erstellt … 😉 Danke, lieber Reiner, einen feinen Sonntag wünsche ich dir.

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