Gedankensplitter

Zeitreisende

Als ich aus der großen Stadt zurück aufs Land gezogen bin, kam ich mir wie eine Fremde in der eigenen Heimat vor. Alles schien vertraut und doch irgendwie unbekannt, verblasst wie die Seiten eines alten Buches.

Ich begab mich auf Streifzüge mit meiner Hündin und versuchte, meiner Seele ein neues, altes Zuhause zu geben. Es war interessant, worauf ich stieß.

Wo früher das zentrale Leben stattgefunden hat, herrscht nun fast Leblosigkeit. Die Dorfmitte scheint verstummt, dafür pulsiert die Peripherie. Es wirkt beinahe, als würde sich in dieser Entwicklung der aktuelle Zeitgeist spiegeln, immerhin liegt die Verlagerung vom Innen in die Außenwelt schwer im Trend. Die Menschen lenken sich lieber ab, als ihrem Wesenskern, ihrer wahren Aufgabe, nach der ihre Seele verlangt, Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Handel – das waren damals Familienbetriebe. Da herrschte reges Treiben und es war spannend, durch die Geschäftsstraße zu flanieren – heute wirkt es, als hätten sich die Häuser in sich selbst zurückgezogen. Verharren sie still, weil sie auf etwas warten? Auf neuen Glanz, bessere Zeiten, den Aufbruch?

Als Kind liebte ich es, in die hell erleuchteten Zimmer der Familien zu schauen, die ihre Wohnungen oberhalb ihrer Geschäftsräume hatten. Das hatte etwas Heimeliges und es war aufregend, sich auszumalen, was sich hinter den Vorhängen für Geschichten ereignen mochten. Ich träumte davon, als Erwachsene ebenso oberhalb der Welt zu wohnen; von der Möglichkeit, mich in die Luft zurückzuziehen, falls die Erde zu schwer würde. Ich liebe es, alles von oben zu betrachten.

Zurück am Land triffst du auf einmal Menschen, die wie aus einer anderen Zeit scheinen, denn zu lange hat man sich nicht gesehen. Die starken Wurzeln, die es brauchte, um die Flügel zu (er-)tragen, das ergibt auf einmal Sinn.

Wenn ich genau hinspüre, kann ich es noch ganz leise wahrnehmen, dieses Damals-Gefühl. So sehr sich das Außen auch verändern und weiterentwickeln mag, im Innersten erahnt man seinen Kern. Der perfekte Spiegel zu mir: Ich habe mich immer wieder aufs Neue entdeckt und viel gelernt, bin wunderbare und manchmal auch verschlungene Wege gegangen. Ich habe mich tausendmal neu erfunden und zweitausendmal geirrt – aber drinnen ruht mein Kern. Mein Wesen, meine Seele, ich. Unantastbar.

Bildquelle: Rudi Dellinger/Urheberrecht: Stills and Emotions – Rudy Dellinger

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