Klartext denken (Gastbeitrag)

Meine wertgeschätzten Seelenlandeplatz-Leser!

Heute habe ich eine besondere Überraschung für Euch – mein lieber Freund Frank alias Zwischenweltler hat meinen Vorschlag aufgegriffen und mir die große Freude gemacht, einen Gastbeitrag für meinen Blog zu schreiben, der sich thematisch wunderbar in meine Gedankenwelt und meine Inhalte einfügt. Mehr will ich gar nicht dazu sagen und dem „KLARTEXT“ die Bühne überlassen! Kommentare jederzeit erwünscht! 🙂

An dieser Stelle ein großes und herzliches DANKESCHÖN an dich, mein lieber Freund!

Klartext denken

Um ganz im Heute zu leben, muss man seine Vergangenheit abstreifen und nur das behalten, was wirklich von Wert ist. Nur so lassen sich alte Muster und verkrustete Strukturen ablegen, die sich über die Jahre in uns angesammelt haben und uns blockieren.

Doch wie schafft man es, seine Vergangenheit loszuwerden – zumindest die belastenden Anteile davon? Induzierte Amnesie? Gibt es das überhaupt?

Keine Angst, ich werde jetzt nicht von Elektroden am Kopf oder toxischen Cocktails erzählen. Die Lösung ist nämlich ebenso einfach wie ungefährlich.

Der von mir hochgeachtete Paulo Coelho ließ diese Methode einen kasachischen Schamanen erklären. Dort habe ich sie her. Wer sie letztendlich erfunden hat, ist mir unbekannt – wichtig ist mir nur, dass sie tatsächlich wirkt. Und das kann ich nur bestätigen, auch wenn ich diese Methode für meine Zwecke aus eher praktischen Gründen abgewandelt habe.

Aber lasst mich beim Anfang beginnen. Die Herangehensweise des Schamanen sieht in etwa so aus:

Um sich weiterzuentwickeln, muss sich der Mensch geistig bewegen. Doch wenn er immer sein komplettes bisheriges Leben hinter sich her zerren muss, kommt er nur mühsam oder gar nicht voran. Das Ablegen des Gewesenen ist also zwingend notwendig, um Platz und Räume für Neues zu schaffen und unbeschwert seinen Weg gehen zu können.

Doch wie kann man seine Vergangenheit, seine ureigenste Geschichte, ablegen, wo wir doch alle wissen, wie schwer das Loslassen ist?

Der Schamane sagt: Wir müssen sie immer wieder bis in die kleinsten Einzelheiten laut erzählen. Während wir sie erzählen, verabschieden wir uns von dem, was wir einmal waren, und öffnen Räume für eine neue, unbekannte Welt. Wir sollten diese alten Geschichten so lange immer wieder erzählen, bis sie für uns nicht mehr wichtig sind.

Da stellt sich die Frage, ob wir damit nicht auch das Risiko eingehen, wichtige Dinge und wertvolle Erfahrungen zu verlieren.

Der Schamane verneint das: Die wichtigen Dinge bleiben immer − verschwinden werden nur die Dinge, die wir für wichtig erachten, die aber tatsächlich nutzlos sind.

Das hat mich nachdenklich gemacht. In der Tat ist es so, dass wir permanent kostbare Lebensenergie dafür aufwenden, um Dinge zu beobachten, zu überwachen und zu steuern, die es im Grunde gar nicht wert sind, beachtet zu werden. Dinge, die vielleicht in der Vergangenheit einmal wichtig für uns waren, uns heute aber kaum peripher berühren oder unser Leben gar vollends verlassen haben. Dies abzulegen, könnte ich mir als sehr großen Gewinn vorstellen. Nur, kann das wirklich durch reines Erzählen funktionieren? Und warum laut? Wer sollte das Publikum sein? Und wer ist schon bereit, sein Innerstes vor Publikum nach außen zu kehren?

An dieser Stelle trennt sich mein Weg von dem des Schamanen. Ich sitze nicht nachts mitten in der kasachischen Steppe an einem Lagerfeuer und schaue in die erwartungsvoll geöffneten Augen meiner Stammesmitglieder, die nur darauf warten, meine alten Geschichten immer und immer wieder zu hören. Aber dennoch habe ich tief in mir das Gefühl, dass an dieser Methode etwas dran sein könnte – etwas, das tatsächlich funktioniert.

Schon vor recht langer Zeit habe ich an mir selbst ein Phänomen beobachten können, das sicher jeder Hirnforscher mit wenigen Worten wissenschaftlich erklären könnte. Ich kann das nicht. Was jedoch nichts daran ändert, dass ich es für mich als bedeutend erachte.

Alles fing damit an, dass ich mir selbst beim alltäglichen Denken zusah. Da waren zig Stimmen in mir, die munter durcheinander plapperten, sich stritten, verbündeten und wieder stritten. Jede Stimme beharrte auf ihre eigene Meinung – mal wurden sie laut und dominant, dann wieder kleinlaut oder sie verstummten so unvermittelt, wie sie aufgetaucht waren.

Kann es wirklich so chaotisch im Kopf eines halbwegs intelligenten Menschen zugehen, fragte ich mich. Und ob!

Doch dann bemerkte ich Folgendes. Sobald ich versuchte, mich zu artikulieren, wurde das Stimmenchaos leiser und es zog eine gewisse Ordnung ein. Gerade so, als müssten sich die Stimmen der einzelnen Gedanken vor dem Sprachzentrum in einer Schlange anstellen und darauf warten, sich in echte Worte transformieren zu dürfen. Und dort – am Eingang des Sprachzentrums – steht ein Wächter, der nur die wichtigsten Gedanken durchlässt und die für brauchbar befundenen zusätzlich dazu zwingt, sich diszipliniert aneinander zu reihen.

Ihr werdet euch jetzt vielleicht fragen, was das alles mit dem Schamanen zu tun hat. Ganz einfach: Wer glaubt, in Klartext zu denken, der irrt. Nur das Sprechen und das Schreiben erfolgen in Klartext. Und Klartext heißt in diesem Falle, seine Gedanken in einer sinnvollen und wohl strukturierten Kette aufzureihen und dann zu verbalisieren. Kein Vergleich also zur Gedankensuppe, die da sonst quer durch unsere Hirne geistert.

Und der Rat des Schamanen will nichts anderes bewirken, als dass wir unsere Lebensgeschichte in eben solch klare Strukturen bringen und den Torwächter am Sprachzentrum seinen Dienst tun lassen. Denn der trennt die Spreu vom Weizen – sprich: die wichtigen von den unwichtigen Dingen in unserem Erfahrungsschatz.

Je öfter und intensiver wir das tun, umso mehr werden wir den Aufräumeffekt bemerken. Mit einigem Training lässt sich sogar das wilde Geplapper im Kopf abstellen, denn dann ist ein neuer Zustand erreicht: dann denken wir Klartext.

Das hat noch einen sehr schönen Nebeneffekt. Denken in Klartext ist zwar am Anfang, wenn man noch nicht ausreichend Übung hat, recht anstrengend, wird aber mit der Zeit immer leichter. Und dann wird man sich bewusst, welche Kraft es zuvor gekostet hat, sich täglich mit diesem bunten Stimmenchaos auseinanderzusetzen. Die freiwerdenden Kräfte erlauben es uns dann, Neues mit Elan anzugehen oder uns einfach in Gelassenheit zu entspannen.

Wer mir bis hier noch folgen konnte, wird sich jetzt dennoch die Frage stellen, wo er sein tägliches Lagerfeuer entzünden soll und wer seine Zuhörerschaft sein könnte.

Im Grunde ist beides nicht nötig. Der Schamane wählte nur das laute Sprechen, weil er keinen Laptop und kein Internet kannte. Die Prozesse im Hirn sind nämlich beim Sprechen und Schreiben sehr ähnlich – beides greift auf die Funktionen des Sprachzentrums zurück. Wer also nicht sprechen kann oder wem keiner mehr zuhört, kann sich einfach aufs Schreiben beschränken.

Also schreibt eure Geschichten auf, detailliert und immer wieder – so lange, bis euch all das Unwesentliche und Belastende verlassen hat und Platz für Neues geschaffen wurde. Schreibt Tagebuch mit ganz vielen Erinnerungsgeschichten darin. Schreibt euren Freunden und Vertrauten all das auf, was euch in der Vergangenheit belastet hat. Bloggt euer altes Leben und das neue gleich mit. Schreibt endlose Mails oder einfach nur Texte für euch selbst. Vertraut euch den Worten an!

Und ich verrate euch noch etwas: Es ist zwar schön, wenn ihr auch Leser für diese vielen Texte findet, die ihr von heute an verfassen wollt, denn dann könntet ihr mit Feedback rechnen. Doch das ist gar nicht so erforderlich. Der entscheidende Prozess vollzieht sich in euch – im Inneren. Wichtig ist nur, dass ihr in euren Erzählungen detailgetreu und ehrlich bleibt, keinen Bogen um unschöne Themen macht und keinen Lebensbereich auslasst.

Ich wünsche euch viel Erfolg dabei.

Euer Zwischenweltler, der hier bei Heidi einen Gastbetrag schreiben durfte.

Ein herzlicher Dank geht an Dich, meine Liebe, die Du mir hier Asyl gewährst. 🙂

6 Gedanken zu “Klartext denken (Gastbeitrag)

  1. Hallo

    Seine alten verstaubten Kisten, aus dem Keller oder dem Dachboden öffnen und verarbeiten.
    Wie auch immer man das macht, sich selbst zu betrachten, reden, schreiben, musizieren, malen, tanzen….
    Da ist schon so manches Großes entstanden.
    Aber überhaupt mal rauf zu gehen und das alte Zeug auszugraben, es wieder zu finden, sich mal bewusst zu sein wie weit einen dies am Leben im Jetzt hindert.
    Erstmal die Angst, die es auszustrahlen scheint und uns so oft erstarren lässt überwinden.
    Das ist für viele nicht einfach.

    Sich mitteilen, auch seinen Schmerz, na Abend’s am Lagerfeuer mit seinem Clan, war früher sicher nicht die schlechteste Wahl.

    Allen viel Erfolg dabei☮

    Gefällt 1 Person

    1. Innenschau halten, sich dem stellen, was ist, ehrlich zu sich selbst zu sein und den Mut zur Gegenwart haben, wie sie ist – das ist kein erleuchteter Moment, der aufploppt und dann für immer bleibt, sondern jeden Tag eine bewusste Entscheidung, die Mut und Disziplin erfordert. Dann wird man mit Freude belohnt.
      Danke für deinen Beitrag!

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