Gesellschaft

Der Fetisch „Ware“

Warum ist unser Interesse an „Dingen“ oft größer als an Menschen und deren Biografien? Wenn wir in einem Laden das Objekt der Begierde in Händen halten – völlig egal, ob es sich hierbei um ein faszinierendes Technikgerät oder eine teure Handtasche handelt –, haben wir selten dessen Produktion und was eigentlich an Arbeit dahintersteckt vor Augen. Wir sehen zwar Marke, Design und den Preis, aber selten, wie viele Schritte davor nötig waren, damit es heute im Regal steht. Die Rohstoffe, die teilweise unter wirklich widrigsten Bedingungen abgebaut werden, die Produktion selbst, die Menschen, die sich dahinter verbergen. Lange Transportwege über ganze Kontinente, die nötig sind, damit wir uns am Konsumgut erfreuen können. Diese Gedanken machen wir uns selten, sie verblassen hinter dem glänzenden Gegenstand. Und der hat Macht über uns, hat sogar das Potential, dass er uns als ein Wesen mit Eigenschaften erscheint – oft genug personalisieren Menschen ihre Gegenstände oder geben ihnen sogar Namen. Der Ware selbst wird ein Wert zugeschrieben, der eigentlich auf menschliche Arbeit zurückgeht. Und so werden Beziehungen zu anderen Menschen unsichtbar, während wir innige Verbindungen zu Dingen aufbauen. Wir denken selten: „Wer hat das hergestellt?“, sondern viel eher: „Was kostet es und von welcher Marke ist es?“

Konsumgüter werden so zu Hauptdarstellern unserer Gesellschaft und wir dürfen ihre Begleiter und Bewunderer spielen. Die Werbung erzählt uns wunderschöne Geschichten von Glück, Status, ewiger Jugend und schon erscheint der Kauf eines Objekts als der begehrte Schlüssel dazu. Man suggeriert uns Bedürfnisse, von denen wir nicht einmal wussten, dass wir sie hatten. Da wird ein Schuh zu einem Symbol und eine Handtasche nicht mehr bloß die etwas hochwertigere und hübschere Tüte, um Sachen zu transportieren.

Ich will damit nicht ausdrücken, dass wir Dinge nicht schätzen oder uns nicht mehr mit schönen Gegenständen umgeben dürfen. Das alles liebe ich auch. Aber wir sollten uns trotzdem ihrer Herkunft bewusst sein. Sie tauchen nicht wie durch ein Wunder im Onlineshop auf. Je weniger wir über ihren Ursprung wissen, desto weniger verstehen wir die Realität ihrer Hersteller, und damit meine ich die tatsächlichen Hersteller und nicht die Firma, die sie anstellt. Wir sind stolz auf ein „Schnäppchen“, das wir ergattert haben, ohne darüber nachzudenken, dass eine Näherin in Indien die „Rechnung“ dafür bezahlt. Die Menschen „dahinter“ verblassen zu Nebendarstellern, weil wir Produkte nach ihrem Schein und nicht nach ihrem Entstehen beurteilen. Wer nur die Dinge sieht, aber nicht die Arbeit, die dahintersteckt, erkennt ihren Wert nicht mehr. Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass wir zwar stärker voneinander abhängen, jedoch kaum wirkliche Verbindungen zueinander verspüren. Die Welt ist näher zusammengerückt, aber nicht gleicher geworden – ganz im Gegenteil.

Es geht nicht darum, bei jedem Einkauf ein schlechtes Gewissen zu haben. Aber wenn man sich vor Augen führt, was wirklich hinter dem Objekt der Begierde steckt, wird aus dem künstlichen Gegenstand das, was es in Wahrheit ist: das Ergebnis menschlicher Zeit und menschlichen Lebens.

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