Ich bin mir ziemlich sicher, dass nahezu allen von euch Frankenstein ein Begriff ist.
Wahrscheinlich habt ihr diverse Verfilmungen gesehen, aber wer von euch hat auch Mary Shelleys Buch „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ gelesen? Ich gestehe, auch ich habe mich erst vor kurzem der Lektüre gewidmet, vermutlich, weil ich ein unvollständiges Bild davon hatte und deswegen ein wenig Respektabstand hielt.
„Frankenstein“ wurde ein Phänomen der Popkultur und fester Bestandteil des Horror- und Gothic-Novel-Genres. Für den Kontext werde ich zunächst kurz den Inhalt skizzieren. Vorher möchte ich aber noch anmerken, dass dieser Beitrag sowohl kleinere als auch größere Spoiler beinhaltet. Falls ihr also vorhabt, das Buch selbst noch zu lesen, seid ihr hiermit gewarnt. Kommen wir damit zur groben Rahmenhandlung.
Viktor Frankenstein, ein ambitionierter Naturwissenschaftler, fällt seinem Ehrgeiz, Gott zu spielen und menschliches Leben zu erschaffen, zum Opfer. Er greift dabei in natürliche Prozesse ein, überschreitet Grenzen, flieht letztendlich vor seiner eigenen, monströsen Schöpfung.
Die Wege von Schöpfer und Geschöpf kreuzen sich immer wieder, der Name des Verunstalteten wird dabei nie genannt. Erstaunlich, dass der Mainstream ihm kurzerhand den seines Erschaffers zugeteilt hatte und in dieser Verwechslung beim bloßen Aussprechen desselben erbebte.
Lange hat mich kein Buch mehr so in seinen Bann gezogen. Normalerweise habe ich Scheu vor Geschichten oder Filmen, bei denen ich mich anschließend nicht alleine auf dunkle Korridore wage. Hier sollte ich mich jedoch gewaltig irren. Dieses literarische Werk geht weit über Horror hinaus, das übernatürliche Element rückt hier völlig in den Hintergrund. Vielmehr steht die Wissenschaft im Fokus, die künstliches Leben erschafft und damit erreicht, dass die Natur sich letztendlich gegen sie wendet. In diesem Fall gegen den Wissenschaftler selbst, Viktor Frankenstein.
Auch die Entstehungsgeschichte ist interessant. Das Jahr 1816 ging als das ohne Sommer in die Klimageschichte ein, wo es zu Dauerregen in England kam. Eine kleine Gruppe schreibbegeisterter Menschen versammelte sich am Kaminfeuer, angeführt vom Schriftsteller Lord Byron. Ebenso anwesend waren Mary Godwin und ihr zukünftiger Ehemann Percy Shelley. Lord Byron schlug vor, dass jeder von ihnen eine Art Schauergeschichte schreiben sollte.
So kam es, dass die damals erst 18-jährige Mary die Grundidee für ihr später weltberühmtes Buch entwickelte – das Buch, das 1818 anonym erschien. Wenn man in ihre Zeilen eintaucht, fällt sofort ihre freie und kritische Art zu denken auf. Sie entführt einen in eine Landschaft der Poesie und der Wortgewalt. Ich hing ihr an den Lippen, wenn ich sie erzählen hörte und die wuchtigen Bilder vor meinem geistigen Auge Gestalt annahmen.
Mary Shelley hat einen Roman geschrieben, der revolutionär war für ihre Zeit. Sie warnt darin ausdrücklich vor menschlicher Hybris, Entfremdung und der Zerstörung der Natur, und das bereits zu Beginn des industriellen Zeitalters.
Vor allem aber berührte mich die Geschichte des „Dämons“, wie Viktor Frankenstein ihn nennt.
Ich empfand zu Herzen gehendes Mitgefühl mit dieser Kreatur, ja, eine Art Zuneigung, zumindest aber tiefes Verständnis. Mehr als einmal kamen mir die Tränen. Wie schnell lassen wir uns von hässlichen Fratzen, Andersartigkeit oder dem vermeintlich „Bösen“ abschrecken, gehen unmenschlich damit um?
Frankensteins Wesen versucht, sich seinem Schöpfer zu erklären: „Ich war gütig und gut; das Elend machte mich zum Ungeheuer. Mach mich glücklich und ich werde wieder tugendhaft sein.“
Von Mary Shelley selbst stammt jenes eindrucksvoll kluge Zitat: „Niemand wählt das Böse, weil es böse ist. Er verwechselt es nur mit dem Guten, das er sucht.“
Dem ist nicht viel hinzuzufügen, und mir bleibt nur, euch diesen Roman wärmstens ans Herz zu legen. Vielleicht sollten wir uns dieser Worte erinnern, wenn wir uns das nächste Mal in den Richterstuhl erheben, um über Gut und Böse zu urteilen …

Zwei Jahrhunderte später und noch immer gehen Menschen davon aus, dass es nicht die Umstände sind, die die Handlungen bestimmen, sondern irgendeine ominöse Veranlagung. Fast so, als gäbe es wiederum Umstände, die diese Annahme provozieren.
Großartiges Buch, hat mich ebenfalls echt berührt, wie du weißt. 😀
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Für diesen Buchtipp bin ich dir sehr dankbar. 💞
Ja, du hast völlig recht, und Mary Shelley arbeitet diesen Widerspruch oder diesen Fehlschluss hervorragend heraus.
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