Der Hype um den Wal „Timmy“, der vor einigen Wochen an der Ostsee gestrandet war, hat wieder einmal ein Bild unserer Gesellschaft gezeichnet, wie man es sich treffender nicht ausdenken kann.
Experten aus aller Welt reisten an, um Lösungen zu finden, welche das arme Tier zurück ins Meer befördern würden. Andere, um sich an der Geschichte zu profilieren oder sie als Ventil für Frust gegen „die da oben“ zu verwenden. Ganz viele befanden sich vor Ort, um Klickzahlen durch Instagram-Storys zu erhaschen, und natürlich erwiesen auch Politiker dem Tier die Ehre. Meeresbiologen, die wahrscheinlich einzigen mit der nötigen Expertise, gingen dabei fast ein wenig unter. Es herrschte Mediengeschrei nach allen Seiten, KI-Lieder wurden für Timmy aka Hope „komponiert“, die, hätte man sie ihm vorgespielt, gereicht hätten, um den Wal ins offene Meer zurückzuscheuchen.
Unterhaltsam fand ich die selbsternannten Tierkommunikatoren – Medien –, die sich mit dem Wal unterhielten, weil er genau ihnen eine Botschaft dagelassen hatte. Sie konnten ihn fühlen und sich mit ihm auf welchem Sendebereich auch immer austauschen. In seinem Überlebenskampf erschien Timmy ganz schön redselig, wenn man bedenkt, wie viele das waren.
In mir warf sich die Frage auf: Hören all diese guten und mitfühlenden Menschen auch das Klagen der Tiere in Transportern, wenn diese in Massen zu Schlachthöfen geführt werden? Tagtäglich, ohne Pause? Findet da ein Austausch statt, Empathie, gar Rettungsmaßnahmen?
Keine Sorge, es folgt keine Liste all der Dinge, die Menschen ihren Mitwesen antun. Wal Timmy hat nur die ungeheuerliche Scheinmoral aufgedeckt, in der wir leben. Mit Sprechchören die Hilfsmannschaft anzufeuern und sich dann ein Fischbrötchen von der Bude am selben Strand einzuverleiben, ist an Absurdität nicht zu überbieten. Wo wir schon dabei sind: Hat jemand sein überdimensioniertes Mitgefühl zumindest auch den anderen Fischen, die während der Rettungsaktion dran glauben mussten, zukommen lassen? Ziemlich sicher nicht – denen fehlte das Potential zum Spektakel und ein Kosename.
Ab einem gewissen Punkt habe ich mich diesem Irrsinn der Berichterstattung nicht mehr hingegeben. Dem Tier selbst hatte ich meine besten Wünsche mit auf den Weg geschickt, wie auch immer der ausgehen mochte.
Letztlich hat Timmy es nicht geschafft, das haben seine Peilsender gezeigt. Gute Reise, lieber Walfreund.
Trotz dem Abstand, den ich von dem ganzen Thema genommen habe, hat mich ein Artikel sehr beschäftigt. Dieser ist mir vor etwa einer Woche untergekommen.
Die Straße von Gibraltar zählt zu den meistbefahrenen Wasserstraßen, genutzt von Frachtern, Fähren und Fischereifahrzeugen bis hin zu Freizeitbooten. Hier lebt eine kleine Population von Langflossen-Grindwalen, die mittlerweile als stark gefährdete Art gelten. Nebst immer häufiger auftretenden Krankheiten setzt der Stressfaktor Lärm, der von all diesen Schiffen ausgeht, den Tieren massiv zu.
Sie müssen die Lautstärke ihrer Rufe, um miteinander kommunizieren zu können, stark erhöhen, was sie an ihr körperliches Limit bringt, denn sie schreien mittlerweile, so laut sie können. Dies erschwert die intersoziale Aktion der Tiere untereinander, die aber für das Überleben der Herde überlebenswichtig ist – das haben jüngste Studien gezeigt. Und parallel dazu hören sich Menschen Walgesänge auf YouTube an, um zu entspannen.
Versuchen wir uns die Situation bildhaft vorzustellen: Zwei Personen, die einander auf einer mehrspurigen Autobahn gegenüberstehen, versuchen, miteinander zu reden. Aber nicht für zehn Minuten, sondern ununterbrochen. Wie würde dieser Stress sich anfühlen?
Es gäbe Lösungen, aber die gehen in einem profitorientierten System, in dem die Nutzung der Wasserstraße vorrangig ist, unter. Die Wissenschaft appelliert, diesen Themen mehr Beachtung zu schenken, aber sie stehen auf ebenso verlorenem Posten, wenn Kapitalsteigerung noch immer vor Erhaltung des Lebens und dem Artenschutz steht. Die paar Hilfsaktionen hie und da, die man anleiert, sind maximal ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Die Tiere schreien mittlerweile laut – nicht nur die Wale.
Aber der Mensch ist taub.

Vor wenigen Tagen las ich auch einen Beitrag über ein paar durch Menschen verursachte Probleme der Wale ( https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-im-nordatlantik-ein-requiem-und-lange-reisen/ ). So vieles, was Menschen tun, ist nicht zu verstehen…
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