Wie ihr wisst, setze ich mich gerne mit den verschiedenen Formen der zwischenmenschlichen Beziehungen auseinander, beleuchte sie und recherchiere, was sich darüber in der Psychologie und der Sozialforschung finden lässt. Diesmal nehme ich mich eines besonders heiklen Themas an.
Kann man ein romantisches und/oder sexuelles Verhältnis, das parallel zu einer bestehenden Ehe oder monogamen Partnerschaft geführt wird, als Liebe oder reale Beziehung bezeichnen? Wohl eher nicht, stehen die Personen, die in so einer Konstellation stattfinden, doch auf ganz unterschiedlichen Positionen und haben Erwartungen daran, die weit auseinanderklaffen.
In einem Punkt sollten wir uns einig sein: Es ist menschlich und liegt nicht in unserer Hand, wenn wir uns zu anderen Menschen hingezogen fühlen, auch wenn wir liiert sind. Diese Tatsache allein sollte nicht verurteilt werden.
Aber schauen wir uns die unterschiedlichen Positionen dieses Dreiecks einmal genauer an. Lasst mich der Einfachheit halber über den Verheirateten, also den Mann, und die Geliebte sprechen. Natürlich kann es auch andersherum stattfinden.
Dem Ehemann könnte abgesprochen werden, ehrliche Gefühle für die Geliebte zu hegen und nur einem egoistischen Motiv gefolgt zu sein. Aber so einfach ist es nicht, denn wenn man jahrelang alle Kraft und Energie in den Aufbau einer Familie, eines Heims und dessen Versorgung gesteckt und die eigenen Bedürfnisse hintangestellt hat, kann ein neuer Mensch wie eine Sauerstoffzufuhr wirken. Man fühlt sich wiederbelebt, vital, begehrt und ganz neu verstanden. Alles ist aufregend, man ist durchaus wahrhaftig verliebt. Das zumindest muss nicht in Abrede gestellt werden.
Die Lage wird problematisch, wenn dieser Zustand über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten wird und sich gar eine Parallelbeziehung daraus ergibt. Dann muss man von einem Vertrauensbruch sprechen, von Lügen und der Verzerrung mancher Realitäten. Darunter haben alle zu leiden, da entstehen richtige Traumata für das spätere (Beziehungs-)Leben, an deren Auflösung man mitunter lange arbeitet.
Denn in den meisten Fällen, trotz aller neu entflammten Gefühle, verlässt der Ehemann seine Familie nicht. Im Zuge der Anfangseuphorie werden Red Flags übersehen, bewusst übergangen, da verblasst jedes Störgeräusch hinter der leidenschaftlichen Aufregung – nämlich für beide.
Einer redet sich ein, schon eine Lösung zu finden, während die andere sich sagt, dass es doch gut ist, so frei und unabhängig zu sein und nur die schönen Stunden genießen zu dürfen. Beide machen sich zu diesem Zeitpunkt etwas vor.
Tief drinnen ist dem einen bewusst, dass es etwas gibt, das noch viel höher bewertet wird als „Liebe“, das noch viel schwerer wiegt – und das ist die soziale Sicherheit, der anerkannte Platz in der Gesellschaft durch die Familie. In den seltensten Fällen wird diese Stabilität für Verknalltheit oder Leidenschaft geopfert. Wenn der Mann ehrlich zu sich selbst ist, verspürt er gar nicht den Wunsch, die Familie zu verlassen, und möchte am liebsten beides in seinem Leben behalten. Es klingt hart, aber die Geliebte ist eine unglaubliche Selbstwertstütze.
Die andere sucht, wenn sie ehrlich zu sich selbst ist, eine exklusive Beziehung, in der man zueinander steht und ein Alltagsteam bildet. Eine Beziehung, in der alles stattfinden kann, auch zu Weihnachten, auch an Feiertagen und auch im Sommer zur Urlaubszeit.
Würde sie aufrichtig agieren, würde sie nicht gute Miene zum bösen Spiel machen und ganz klar kommunizieren, was das wahre Bedürfnis hinter ihrer Hingabe ist. Ihr Gerede von ihrer Unabhängigkeit fernab aller „Pflichten“ einer Ehefrau dient in den meisten Fällen dem eigenen Selbstschutz. Beide geben sich also von Anfang an einer Illusion hin.
Das Fatale ist, dass solche Beziehungsmuster Abhängigkeiten erzeugen. Die Euphorie des Anfangs weicht schnell einer psychisch belastenden Situation für alle Beteiligten. Vermutlich sollte man hier die Notbremse ziehen, was aber oft versäumt wird. So dreht sich die Negativspirale ungehindert weiter. Psychisch stabile Menschen verfügen meist über ein ausreichend hohes Selbstbewusstsein, um gesunde Grenzen zu ziehen. Wenn der eigene Wert durch das Schattendasein immer weiter schrumpft, verzerrt sich der realistische Blick. Ein paar gestohlene Stunden und sehnsüchtige Nachrichten werden als echte Liebesbeweise wahrgenommen. Das lässt einen den Blick dafür verlieren, was eine reife und aufrichtige Beziehung, die auch soziale Sicherheit bedeutet, eigentlich ausmacht. Das besitzergreifende Verhalten des Mannes, der sich nicht bekennt, wird oft noch fälschlicherweise als Zeichen seiner Liebe interpretiert. Zusätzlich dazu verwirrt die Diskrepanz zwischen seinen Worten und den ausbleibenden Taten, was Vertrauen in jegliche zwischenmenschliche Nähe schwer erschüttern kann und mental belastende Folgen nach sich zieht.
Es geht aber nicht nur um die beiden. Da ist auch noch die Ehepartnerin, die in vielen Fällen überhaupt nichts ahnt, sich in Sicherheit wiegt und der durch den Betrug jede Entscheidungsmöglichkeit genommen wird. Die Entscheidung darüber, ob sie sich damit arrangieren kann, bleiben oder die Beziehung verlassen möchte. Spätestens dann sollten bei allen Beteiligten die moralischen Alarmglocken läuten.
Fakt ist, dass – egal wie freundschaftlich eine langjährige Partnerschaft geworden und der körperliche Kontakt in den Hintergrund getreten ist – sie dennoch einen hohen Wert innehat. Sie hat sich über Jahre bewährt und gibt einem die Sicherheit, im Notfall aufgefangen zu werden und geborgen zu sein. Das ist ein Ideal, das in der Sucht nach Romantik viel zu oft übersehen oder kleingeredet wird. Dagegen haben Aufregung und Leidenschaft, die meist von maximal kurzer Dauer sind, kaum eine reale Chance. Ein Alltag mit der neuen Person entzieht sich jeglicher Vorstellungskraft, weil sich hier noch nichts bewährt hat. Und dieses Risiko gehen Menschen in der Regel kaum bis gar nicht ein.
Wer es schafft, sich zeitnah aus solchen Verstrickungen zu lösen und diese unterschiedlichen Positionen von Anfang an zu erkennen, hat größere Chancen, sich später in einer echten Partnerschaft wiederzufinden, die klar, wahrhaftig und zum Wohle aller Beteiligten ist.

Jetzt endlich ist der Beitrag da und wie immer hast du das so treffend beschrieben und auf den Punkt gebracht! Danke für deine Worte, die immer wieder zum Nachdenken anregen, die immer etwas in mir auslösen und einfach gut tun! ❤️ Und ich wünschte diese Erkenntnisse wären früher schon so klar gewesen. Aber dafür sind sie jetzt mit einer Macht vorhanden, die dafür sorgt, dass jetzt alles gut und ehrlich ist und alles andere nur Relikte der Vergangenheit sind.
LikeLike