Das Wechselspiel von Nähe und Autonomie in Beziehungen nennt man „Push-Pull-Phänomen“. Dieses kann zerstörerische Ausmaße annehmen. Es zieht einen, so man darin steckt, fast ausschließlich zu Menschen hin, die einem im einen Moment Nähe schenken, um im nächsten kühl Abstand zu nehmen. Man fühlt sich gleichermaßen gewollt wie zurückgewiesen und das in stetigem Wechsel. Daher der Begriff.
Das Fatale ist, dass Frauen und auch Männer, die solche Muster in sich tragen, nicht in der Lage sind, gesunde Grenzen zu ziehen. Hinzu kommt – was wahrscheinlich noch schlimmer wiegt –, dass jeder potenzielle Partner, der sich fürsorglich, liebevoll und emotional reif zeigt, schnell langweilig erscheint und sich keine Anziehung entwickeln kann bzw. diese sehr schnell wieder verfliegt. Anschließend wendet man sich dem nächsten, vermeintlich interessanteren Menschen zu, der viel schwieriger zu erobern ist. Hier vermutet man wahre Romantik und Leidenschaft. Ein wahrlich destruktives Muster. Es scheint unmöglich, ihm zu entrinnen, obwohl man sich dessen vielleicht sogar bewusst ist.
Warum aber ist das so?
Das Nervensystem und das Gehirn haben etwas gelernt und das wiederholen sie in Endlosschleife. Man befindet sich auf einer ständigen Jagd ohne Ziel, ohne Ruhe, und schon gar nicht kommt man irgendwo an. Genau das stimuliert das Gehirn. Noch dazu hält es an allem fest, was ihm vertraut ist, so hässlich es auch sein mag. Es geht sogar so weit, dass dieses bekannte Muster dem Nervensystem Sicherheit vermittelt, obwohl die Dynamik alles andere als Sicherheit erzeugt.
Eigentlich wünscht man sich Stabilität, aber sobald man eine gewisse Kontinuität von einem anderen Menschen erfährt, sobald man spürt, dass er es ernst meint, und er seine Wertschätzung zeigt, fühlt man nichts mehr. Es erscheint langweilig und reizlos. Da sind viel zu wenig Schmetterlinge im Bauch, als dass es als Liebe durchgehen kann. Ein Teufelskreis, wie er im Buche steht.
In Wahrheit ist natürlich das Gegenteil der Fall. Genau das wäre Liebe – gesunde Liebe. Das eigene System jedoch erkennt sie nicht, weil es gelernt hat: Liebe ist Kampf, ist Jagd, ist unerreichbar. Gott sei Dank ist man dem aber nicht hoffnungslos ausgeliefert, weil das Muster nicht der eigenen Identität angehört. Wenn man also lernt, es davon abzuspalten, wächst die Chance, es auch abzustreifen.
In sich ruhende Menschen fühlen sich wohl mit Nähe und mit Autonomie. Sie vertrauen, sie können nehmen und geben – in einem gesunden Gleichgewicht. Heilung kann geschehen, aber das ist nur möglich, wenn man sich seinen Verletzungen und inneren Wunden zuwendet, nicht nach dem nächsten Partner im Außen sucht, an dem man sich abarbeiten kann. Es geht immer um einen selbst, niemals um das Gegenüber.
Wenn wir von zwischenmenschlichen Beziehungen sprechen, müssen wir auch die Hormone ins Feld führen. In einer verbindlichen Partnerschaft überwiegt das Hormon Oxytocin. Es fühlt sich warm an, vertraut und sicher, aber eben nicht (mehr) aufregend. Dafür ist das Dopamin zuständig, das uns nach immer mehr lechzen lässt. Jede Zuwendung wird als Belohnung erfahren. Und ein „schwieriger“ Liebespartner kurbelt diese Dynamik an, nach dem Motto: Ihn oder sie zu erobern, sagt ganz viel über einen selbst aus. „Wenn ich es geschafft habe, ihn oder sie an mich zu binden, dann bin ich wertvoll.“
Es geht darum, zu erkennen, dass man heute sicher ist, nicht mehr abhängig wie als Kind von den Eltern. Heute darf man wählen, darf man Grenzen setzen und sich vollständig fühlen ohne permanente Bestätigung. Sich dann auf einen reifen und stabilen Partner einzulassen, wird einem anfangs falsch erscheinen, langweilig oder sogar kühl – aber Dranbleiben kann sich lohnen. Das Ergebnis könnte sein, dass man genau das bekommt, was man sich immer ersehnt hat und was man bisher im Dopaminrausch einfach nur übersehen hat. Auch wenn es ein wenig dauert, bis das Fühlen hinterherkommt …
