Wenn man sich für Mode interessiert, kommt man am Begriff der „Capsule Wardrobe“ nicht vorbei. Auch ich mag den Gedanken dahinter und habe dem Thema sogar einen dreiteiligen Blogbeitrag gewidmet.
Wie so oft haben auch die besten Ideen kleine Stolpersteine, die man reflektieren sollte, um das Bild abzurunden. Das Prinzip der Capsule Wardrobe ist großartig, jedoch sind die Varianten, die uns manche Minimalismus-Videos präsentieren, in der Realität schwierig umzusetzen bzw. erzeugen falsche Vorstellungen.
Es ist ein Mythos, dass, wenn man einmal ordentlich ausgemistet und die neue, sehr verknappte Garderorbe erstellt hat, man kein Kleidungsstück mehr hinzufügen muss und trotzdem in jeder Lebenslage passend gekleidet ist. Oft ist die Rede von gar nur 40 Stücken, die sich den Platz im Schrank teilen. Das würde allerdings nur funktionieren, wenn der Alltag sehr monoton ist, es keine Jahreszeiten und keine Trennlinien zwischen Freizeit und beruflicher Aktivität gibt.
Wohl kaum jemand geht in seinen Büroklamotten zum Sport und danach ins Theater. Es ist leichter umzusetzen, für bestimmte Witterungsverhältnisse und die individuelle Lebensgestaltung eine jeweils eigene, kleine Garderobe zu besitzen.
Wir sitzen einer Illusion auf, wenn wir meinen, mit einer einmaligen Entrümpelung Ordnung auf Lebenszeit geschaffen zu haben. Wie in allen Bereichen ist das Prinzip des aufgeräumten Kastens ein ständiges Dranbleiben, ja, Arbeit. Wir misten auch nicht bloß einmal unseren Küchenschrank aus. Die Schränke, die man auf YouTube sieht und die so herrlich clean und schlicht aussehen, sind natürlich für ein Foto arrangiert, sind Momentaufnahmen.
Kaufen wir tatsächlich weniger, wenn wir uns dem Mode-Minimalismus hingeben?
Auf den ersten Blick, natürlich. Im realen Leben geht sich das nicht immer aus, wenn man nur zwei weiße T-Shirts besitzt, drei schwarze und vielleicht noch eines in Farbe.
Diese Teile werden viel häufiger getragen, was durch das vermehrte Waschen zu einem schnelleren Verschleiß führt und man dann erst wieder neu einkauft. Einige wenige Stücke müssen leisten, was ansonsten eine weit umfangreichere Garderobe bietet.
Stichwort Waschen: Eine zu minimalistische Garderobe führt dazu, dass man die Maschine öfter und mit einer halbvollen Trommel einschaltet, was einer guten Umweltbilanz nicht zuträglich sein kann. Die einfache Rechnung „Minimalismus = Nachhaltigkeit“ geht also nicht ganz auf.
Mit diesen Gedanken soll natürlich nicht das gesamte Prinzip des übersichtlich gehaltenen Kleiderschranks in Frage gestellt werden, ganz im Gegenteil. Dennoch sollte man sich den realistischen Blick darauf bewahren und sich nicht unter Druck setzen.
Es ist vollkommen in Ordnung, mehrere kleine Capsule Wardrobes für einzelne Jahreszeiten, Alltagssituationen und persönliche Freizeitbeschäftigungen sein Eigen zu nennen. Nicht nur 40 Teile, die alles abdecken müssen.
Man muss auch nicht allzu radikal ausmisten und wegwerfen, was man ein Jahr lang nicht getragen hat, wie es oft und gerne heißt. Vielleicht gab es in diesem Jahr einen ungewöhnlich kühlen Sommer, unterlag man einer Gewichtsschwankung oder es fand sich einfach nicht der passende Anlass. Dennoch freut man sich im Jahr darauf vielleicht auf genau dieses Stück, was einen erneuten Kaufimpuls verhindert.
Vielleicht reicht es, wenn man einen aufmerksamen Blick auf sein Konsum- und Ordnungsverhalten hat, darauf achtet, wo man einkauft und in welcher Häufigkeit.
Dann ergibt sich der eigene und individuell befreiende Minimalismus von ganz allein – ohne zu streng mit sich zu sein und doch das Gesamtbild im Auge zu haben.

In klar Schwarz-Weiß getrennt kann man es echt nicht sehen. Ich bin der Typ: Reserve-Sack. Da kommt alles, was man vielleicht nochmal tragen könnte, rein.
Aller paar Jahre wird der Inhalt getauscht.
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Ich habe mir da noch niemals Gedanken drüber gemacht. Warum auch? Ich habe genügend Platz und muss mich daher nicht mit 3 T-Shirts zufriedengeben. Meinen Schrank misste ich einmal jährlich aus und dabei fliegt dann raus, was gar nicht getragen wurde oder nicht mehr gefällt. Und das wars dann zum Thema Modeminimalismus. 🙂
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Platz haben wir wahrscheinlich alle, zu viel wahrscheinlich. 😀 Und es ist gut, wenn der nicht bis zum Bersten ausgefüllt wird. Aber du bist ja diszipliniert dran! 🙂
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