Heute kann ich behaupten, dass ich mich nicht gräme, keine Künstlerin zu sein. Im Gegenteil, ich fühle sogar eine gewisse Erleichterung über diesen Umstand.
Das war nicht immer so. Es gab da diese innere Stimme, die mir immer wieder einflüsterte: „Mach doch was aus deinem Schreibtalent, hol dir deine eigene Kolumne. Schauspielern kannst du auch, geh ans Theater oder zumindest in mehr als nur einen Workshop.“
Später wurden die Brötchen kleiner, die ich backte, und die Idee, Hörbücher einzusprechen oder meine eigenen Texte zu vertonen, kam auf.
Eine andere Instanz, die ich heute als durchaus klug bezeichnen will, hat mich anscheinend abgehalten, wirklich Nägel mit Köpfen zu machen. Ich habe Chancen ungenutzt verstreichen lassen, mich nicht aufgerafft und Gründe gesehen, warum sich das gerade jetzt nicht ausgeht.
Inzwischen weiß ich, dass ich dem Stress ausgewichen bin, den so ein Künstlerinnendasein mit sich bringt: die Konkurrenz und den Vergleich zu anderen anzutreten, Existenzängste oder ein unstetes Leben, das meiner Veranlagung zur schnelleren Reizüberflutung ja nun gar nicht liegt. Ganz zu schweigen von diesem Druck, abliefern zu müssen und eventuell noch bewertet zu werden. Ich wage zu behaupten, dass all das mein Leben nicht unbedingt glücklicher oder erfüllter gemacht hätte.
In gewisser Hinsicht bezeichne ich mich heutzutage dennoch als Künstlerin. Allerdings nicht, weil ich einen Blog habe, auf dem ich mich austoben kann, oder den Theaterworkshop doch noch gebucht hätte.
Heute zählt für mich nicht mehr, was ich leiste oder was ich an sichtbaren, kreativen Ergebnissen hervorbringe und mit der Öffentlichkeit teile. Bis auf meinen Seelenlandeplatz – ich liebe es, meine Gedanken hier mit euch zu teilen. Meine Kreativität hat sich ein wenig nach innen verkehrt. Es macht mir Freude, mich über meine Persönlichkeit auszudrücken, zu entdecken, wer oder was da alles in mir schlummert, wie ich mit bestimmten Situationen des Lebens umgehe und auf sie reagiere. Welche zwischenmenschlichen Begegnungen holen welchen Anteil aus mir heraus, wozu treiben sie mich an? Und kann ich leuchten ohne mein nächstes Buch in der Hand?
Die Kernfrage: Beherrsche ich die Kunst des Lebens? Was so abgedroschen wie banal klingt, fühlt sich im Grunde doch wunderschön an.
In mir wuchsen eine Neugier, Aufregung und das Gefühl: Ja, ich bin eine Künstlerin, die ihre Existenz zur Leinwand und Spielwiese machen will.
Meine Kreativität wird zur Quelle für mich selbst – und darauf habe ich unbändige Lust.
