Gedankensplitter

Menschlichkeit

Der folgende Beitrag ist über zehn Jahre alt und stammt aus meinem ersten Blog „Heidis Gedankensplitter“.
In Anbetracht der aktuellen politischen Entwicklungen im eigenen Land und auch der Nachbarländer musste ich oft an diese Episode denken und will sie deshalb noch einmal vor den Vorhang holen. Denn eigentlich ist erschreckend, dass sich in zehn Jahren nicht viel geändert hat, ja, es sogar schlimmer zu werden scheint …
Keine Frage, es gibt jede Menge Probleme, ich bin weder weltfremd noch blauäugig – aber sie werden erstens instrumentalisiert und zweitens meiner Meinung nach falsch angegangen. Selten führt es zum Ziel, die Symptome, nicht die Ursache für die teilweise wirklich schlimmen Ereignisse zu bekämpfen. Ähnliches lernen wir in der Medizin, in der Psychologie – eigentlich überall.

Vor einigen Wochen musste ich mich einem kleinen Eingriff unterziehen und fand mich dazu in der Tagesklinik des Krankenhauses ein. Es war meine erste Erfahrung auf der anderen Seite der Medizin, denn normal gehöre ich als Therapeutin dem medizinischen Personal an.

Nach der aufwendigen Bürokratie im Aufnahmebereich wurde ich in ein mir ungefähr vier Nummern zu großes Nachthemd gehüllt, musste alles entfernen, was nicht an meinem Körper angewachsen war, und legte mich – wieder eine Premiere – in ein Krankenhausbett, das nicht einmal so unbequem war wie gedacht.
Ich teilte mir den Raum mit vier Personen, die dasselbe Schicksal teilten. Anfangs waren wir einander fremd und haben nur wenige Worte gewechselt. Jeder lag in seinem Bett, starrte an die Decke und hing seinen Gedanken und sicher auch ein wenig seiner Nervosität nach.
Es war für mich eine komplett neue Erfahrung, mich im anästhesierten Zustand in die Hände von Fremden zu begeben. Ich konnte meinen Herzschlag fühlen – in solchen Momenten ist man auf sich zurückgeworfen, hat nur den eigenen Kopf als Gesellschafter.

Aber wie es so ist, wenn man Menschen für Stunden in denselben Raum steckt – irgendwann fängt einer zu reden an.

Bunter hätte der Haufen nicht sein können: Unsere Gruppe bestand aus vier Frauen und einem Mann im Alter von vierundzwanzig bis geschätzt achtundsiebzig, davon drei Österreicher und zwei Österreicher mit Migrationshintergrund. Doch mit dem Ablegen der Straßenkleidung und dem Tragen übereinstimmender Uniformen – sprich: höchst modischer Nachthemden – waren wir alle gleich. Da gab es nichts Trennendes. Ganz im Gegenteil, uns verbanden die gleichen Ängste, Fragen sowie der Erfahrungsaustausch.

In politisch aufgewühlten Zeiten wie gerade empfand ich das als eine Situation, wie nur das Leben sie in natürlicher Selbstverständlichkeit erschaffen kann. Es gelang uns, uns trotz der unangenehmen Umstände, einer drohenden Kurznarkose und des Eingriffs zum Lachen zu bringen, uns gegenseitig aufzuziehen und letztendlich umeinander zu kümmern.
Wann immer einer wieder im Zimmer erschien – besser: zurückgerollt wurde – und noch etwas wackelig auf den Beinen war, setzte der Herdenpflegetrieb ein. Wir warteten geduldig, bis er sich genug erholt hatte, um uns unsere brennenden Fragen zu beantworten. Erneut wurde gescherzt und dadurch Mut gemacht, jeder wurde mit den besten Wünschen bedacht, wenn man ihn abholte.
Dem älteren Herren ging es nach seinem Eingriff nicht so gut, ihm hatte die Narkose ganz schön zugesetzt. Wir kümmerten uns um ihn, so gut es möglich war.

Als ich als letzte im Bunde zurück ins Zimmer gebracht wurde, waren sie alle da: Das türkische Mädchen lief, um mir ein Glas Wasser zu bringen, die Kosovo–Albanerin nahm meine Hand und strich mir die Haare aus dem Gesicht. Eine ältere Dame aus der Nachbarortschaft sprach aufmunternde Worte. Hätte ein Politiker mit fragwürdiger Gesinnung und hetzerischer Polemik in diesem Moment unser kleines Universum betreten, hätten wir ihn lachend aus dem Raum verjagt.

Gegen Abend durften wir dann die Freude miteinander teilen, dass bei allen alles gutgegangen und in Ordnung war. Als wir wieder in unseren eigenen Klamotten steckten, waren wir trotzdem noch die Truppe aus Krankenzimmer 5.
Vielleicht sehe ich diese Menschen nie wieder. Trotzdem habe ich mit ihnen einen intensiven Moment meines Lebens geteilt und werde mich ihnen immer verbunden fühlen.

Erfahrungen wie diese können dazu beitragen, sich nicht aufhetzen zu lassen von Angstmacherei und menschenfeindlichen Parolen. Hoffentlich nicht nur in Spitälern, mit Menschen, die in ihren Ängsten vor Krankheit, Schmerz und in Krankenhausnachthemden alle gleich sind.

Danke, meine vier Mitstreiter!

11 Kommentare zu „Menschlichkeit

      1. Ja, nachdem ich den Kommentar gesendet hatte, fiel es mir auch wieder ein 🙄 Ich wünsche dir jetzt einfach mal weiterhin alles Gute und liebe Grüße, Annette 🙂💕

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