Gesellschaft

Stressfaktor Erreichbarkeit

Der Einzug der Smartphones in unser aller Leben hat unbestritten eine Menge verändert. Zu diesen Veränderungen zählen sicherlich einige positive Aspekte. Allerdings stellt sich die Frage, wie wir vor deren Auftreten mit unserer Zeit und vor allem unserem Selbstwert umgegangen sind.

Worauf ich hinauswill?

Wir können noch so überzeugt davon sein, uns von unserem kleinen Minicomputer nicht versklaven zu lassen – unser Verhalten spricht eine andere Sprache. Die ständige Erreichbarkeit scheint eine Selbstverständlichkeit geworden zu sein. Nicht nur das, auch das prompte Reagieren löst das Gefühl einer Verpflichtung aus. Eine Landplage, wenn man mich fragt.

Die Unterlassung von beidem – Erreichbarkeit und zeitnahe Reaktion – führt zumindest bei einem der Beteiligten zu Unbehagen. Die eigene Wichtigkeit scheint angegriffen, wenn sich der andere für eine Antwort oder den Rückruf mehr Zeit als bloß zehn Minuten herausnimmt. Außer natürlich, er hat eine vernünftige Ausrede parat, beispielsweise Arbeit, Krankheit oder Nachtschlaf – wobei die Entspannung im Traumland schon eine Gratwanderung darstellt. Für manche Menschen scheint es eine Unart zu sein, nachts das Handy auszuschalten.

Und wie steht es erst mit der Akzeptanz, wenn der Grund ein ganz banaler ist: „Ich hatte gerade nicht den Kopf dafür“, „Ich war mit mir selbst beschäftigt“ oder „Es passte gerade einfach nicht“?

Das bringt die Toleranz an harte Grenzen. Man kriegt zu hören, dass man Ignoranz demonstriere, es einem an Wertschätzung für das Gegenüber mangeln würde oder dass man ihm nicht den Raum im eigenen Leben gebe, der ihm zustehe. Gern wird dann auch von Notfällen gesprochen, die im Falle der Stummschaltung des Handys verpasst würden. Ganz ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand von uns einen echten Notfall in der Familie oder dem Freundeskreis verpasst. In Zeiten des Festnetzes musste so manch schlechte Nachricht auch warten. Und schließlich sind die wenigsten von uns Notarzt.

Als hätte man nicht schon genug Trubel im Alltag, muss man diese vermeintliche Verpflichtung zu reagieren im Hinterkopf mittragen.

Ich zähle mich zu den glücklichen Menschen, deren engster Kreis größtenteils keine dieser Forderungen stellt, sondern stattdessen den nötigen Raum bietet, damit Nachrichten ungezwungen ausgetauscht werden und Gespräche organisch entstehen dürfen. Wie man vielleicht schon herauslesen kann, bin ich hier ein großer Fan von Freiwilligkeit – was im Übrigen für viele Belange der zwischenmenschlichen Beziehungen gilt.

Wir haben keinerlei Anspruch auf die Zeiteinteilung eines anderen Menschen.

Wenn ich euch zum Abschluss eines ans Herz legen darf, dann, dass ihr euch ohne schlechtes Gewissen entspannen könnt und euren Selbstwert mitnichten an der Reaktionszeit eures Gegenübers messen müsst …

4 Kommentare zu „Stressfaktor Erreichbarkeit

  1. Ein wirklich schöner und lesenswerter Beitrag. Danke dafür. Am besten eingeprägt hat sich der folgende Satz: „Wir haben keinerlei Anspruch auf die Zeiteinteilung eines anderen Menschen.“ Ein Satz, den sich jeder Mensch, der deinen Beitrag liest auf der Zunge zergehen lassen kann/ Sollte. Denn mit diesem Satz ist im Grunde alles gesagt.

    Ich kann mich zu den Menschen zählen, die sich von ihrem Smartphone nicht stressen lassen😉Mein Smartphone ist ( fast) immer lautlos gestellt und teilweise habe ich es nicht mal in meiner näheren Umgebung ( und manchmal weiß ich nicht einmal wo ich es mal wieder hingelegt habe 😉) Meine Freunde wissen um mein Handyverhalten und können sehr gut damit leben. Und wenn ich eine WhatsApp schreibe habe ich noch nie erwartet, dass mir jemand direkt antwortet.

    Bis vor einigen Jahren hatte ich nicht mal ein Smartphone und nur ein Unfall meinerseits ( zum Glück nur Blechschaden) veranlasste meine Frau dazu, mir nahe zulegen, mir endlich ein Smartphone zuzulegen.

    Natürlich weiß ich die Vorteile des Smartphone mittlerweile zu schätzen, aber wenn ich eines nicht möchte, dann mich von einem technischen Gerät stressen lassen.

    Anja

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    1. Danke, liebe Anja. Dein Umgang mit dem kleinen Computer scheint mir ein recht gesunder zu sein. Wobei ich den Standpunkt deiner Frau schon auch verstehen kann. 😉 Liebe Grüße an dich!

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